Kultur
Literatur - Friedenspreisträger Magris in Tübingen

Orpheus im Altenheim

VON VEIT MÜLLER

TÜBINGEN. Claudio Magris ist ein streitbarer Schriftsteller, der sich seit vielen Jahren als wortgewandter Kolumnist für die Zivilgesellschaft einsetzt. Jeder Mensch habe die Verantwortung und die Pflicht, sich mit der Politik auseinanderzusetzen, sagt der heute 70-jährige. Und mit der Moral sei es wie mit der Gesundheit. Wenn alles in Ordnung sei, brauche man nicht darüber zu reden, aber wenn etwas schief laufe, müsse man sich damit beschäftigen. Und zu Wort melden.

Dass man ihm dann auch zuhört, bewies sein Auftritt am Mittwochabend in Tübingen. Rund 250 Literaturfreunde waren auf Einladung des Osianderschen Buchhandlung in die oberen Säle des Museums gekommen, um den Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2009 zu erleben.

Das Gespräch zwischen Magris und der Tübinger Journalistin Bernadette Schoog verlief indes sehr harmonisch. Nichtsdestotrotz vermittelte es einen guten Einblick in das Leben und Werk eines »europäischen Intellektuellen«. Mit seinen kritischen Schriften will Magris nicht im Mittelpunkt stehen. Wenn er aggressiv gegen etwas protestiere, dann tue er das nicht gerne; »wenn das ein anderer tun würde, wäre ich froh«, erklärte der italienische Schriftsteller.

Im Mittelpunkt des Gespräches stand Magris' neues Buch »Verstehen Sie mich bitte recht«. Basis ist die Geschichte von Orpheus und Eurydike. Im Original wird Eurydike von einer Schlange gebissen und entschwindet ins Totenreich. Orpheus will die Geliebte zurückholen und steigt mit seiner Leier zu den Toten hinab. Er darf Eurydike mit nach Hause nehmen, aber unter der Bedingung, dass er sich auf dem Weg nicht nach ihr umdreht. Weil er weder Eurydikes Schritte noch ihren Atem hinter sich hört, blickt er sich um - und schon verschwindet sie mit Wehklagen wieder im Totenreich.

Aus der Sicht der Frau

Magris erzählt diese Geschichte allerdings aus Sicht der Frau. Sie lebt statt im Totenreich in einem Heim, spricht immer von einem Präsidenten, einer Art Heimleiter, und von ihrem innig geliebten Mann. Die Idee zu dem Buch erhielt Magris in Triest. Er besuchte damals regelmäßig eine alte Frau in einem Altersheim. »Wenn man über die Schwelle des Heims trat, war man in einer völlig anderen Welt«, erzählt Magris.

»Das Buch handelt von einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte mit Kleinlichkeiten und Boshaftigkeiten«, beschreibt Magris »Verstehen Sie mich bitte recht«. Der Mann in der Geschichte sei ein Dichter mit all seiner Egozentrik und Eitelkeit, der die Geheimnisse des Lebens und des Todes erkunden wolle.

Doch es gibt nicht viel zu erfahren, denn sie im Heim weiß nicht mehr als in der Außenwelt, und deshalb will sie ihm letztlich die Enttäuschung des Nicht-Wissens ersparen. Auf dem Weg nach draußen ruft sie nach ihm und bringt ihn so dazu, sich umzudrehen. »Sie opfert ihr Leben für den Mann«, sagt Magris und betont zugleich, dass es im Buch aber keine Idealisierung gebe, weder von ihm noch von ihr. (GEA)


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