Tanz - Marcia Haydée feiert heute ihren 80. Geburtstag. Die frühere Primaballerina, Ballettdirektorin und Cranko-Muse hat das Stuttgarter Ballett entscheidend geprägt

Ohne Marcia Haydée kein Stuttgarter Ballettwunder

VON ANGELA REINHARDT

STUTTGART. Marcia Haydée tanzt immer noch: Ende April wird sie im Stuttgarter Opernhaus Julias Amme sein in John Crankos »Romeo und Julia«, wird sich von Romeo verschämt herumwirbeln lassen und ihn zur heimlichen Hochzeit bringen, bei der sie vor 55 Jahren selbst die Julia war.

Marcia Haydée im Handlungsballett »Das Fräulein von S.« von Choreograf Christian Spuck, das 2012 im Opernhaus in Stuttgart uraufgeführt wurde. FOTO: STUTTGARTER BALLETT
Marcia Haydée im Handlungsballett »Das Fräulein von S.« von Choreograf Christian Spuck, das 2012 im Opernhaus in Stuttgart uraufgeführt wurde. FOTO: STUTTGARTER BALLETT
Heute feiert Marcia Haydée ihren 80. Geburtstag. Sie ist nicht von der Bühne zu kriegen, auf der sie ihr Leben lang tanzte, auf der sie glänzte, litt, starb und lachte, auf der sie Tatjana, die Widerspenstige und die Kameliendame war, Schwan und Hexe, Verführerin und Erlöserin. Um sie zu seiner Ballerina zu machen, musste der frisch gekürte Ballettdirektor Cranko 1961 seinen Generalintendanten Walter Erich Schäfer regelrecht erpressen, wollte der doch nicht einsehen, was so besonders war an dem unauffälligen Mädchen, das fürs Corps de Ballet vortanzte. Cranko aber spürte, dass sie ihn blind verstand: »In Wirklichkeit waren Marcias Fähigkeiten bereits von Anfang an vorhanden; ich habe nur zu ihrer Freisetzung beigetragen«, sagte er später.

Seitdem ist Haydée das Zentrum der Stuttgarter Ballettfamilie geblieben und wird noch immer heiß geliebt. Seit die meisten Ballettbesucher denken können, war sie immer da: als Ballerina, dann als Direktorin, moderne Tänzerin, und nun als Charaktertänzerin und Coach, wenn sie mit den jungen Tänzern an Cranko-Balletten feilt. Sie ist der gute Geist des Stuttgarter Balletts. »Mein größtes Glück war der Tag, an dem ich John Cranko traf«, sagte die als Marcia Haydée Salaverry Pereira da Silva geborene Brasilianerin einmal. So lange er in Stuttgart arbeitete, war sie seine Muse, das Gefäß seiner Kunst. In seinen Werken prägte sie den Begriff der dramatischen Ballerina, der Tanzschauspielerin.

Marcia Haydée nahm jede Rolle und machte einen Menschen daraus, verwandelte sich mit ihrem ausdrucksvollen Gesicht stets vollkommen in die Figur, die sie darstellte. Die Schönheit ihrer schwebenden, sprechenden Arme ist bis heute ein Vorbild, das kaum eine Ballerina erreicht.

Traditionspflege und Erneuerung

Historisch reiht sie sich ein in die Riege der legendären Ballerinen wie Galina Ulanowa, Margot Fonteyn oder Maja Plissetzjaka. Nach Crankos plötzlichem Tod wollte sie aufhören zu tanzen, aber ihre Kollegen drängten sie, sein Werk als Direktorin fortzuführen. Von 1976 bis 1996 leitete Haydée das Stuttgarter Ballett ganz im Sinne Crankos, suchte kompromisslos neue Choreografen für ihre Tänzer. William Forsythe und Uwe Scholz begannen ihre Karrieren unter Haydée, sie holte Maurice Béjart und Hans van Manen nach Stuttgart. Sie bewahrte das Vermächtnis des Cranko'schen Ballettwunders und man kann die kluge Selbsterkenntnis nicht hoch genug einschätzen, mit ihrem Abschied 1996 den Platz frei zu machen für eine weitere Erneuerung aus der Tradition heraus. Natürlich holte ihr Nachfolger Reid Anderson, der selbst lange mit ihr getanzt hatte, sie schon nach kurzer Zeit auf die Stuttgarter Bühne zurück, wo weiterhin noch Rollen für sie kreiert wurden.

Das Schönste ist, sie auch mit 80 Jahren immer noch hier zu wissen, in Stuttgart, bei ihrer Kompanie, bei ihrem Publikum, das sie bis heute »das beste der Welt« nennt.

Haydée im Kino

Am 30. April unterhält sich Marcia Haydée um 12 Uhr im Stuttgarter Opernhaus mit dem designierten Ballettintendanten Tamas Detrich über ihre Karriere. Am gleichen Abend wird das Porträt »Tanz ist meine Religion« von Norbert Beilharz um 19 und 21 Uhr im Stuttgarter Kino Atelier am Bollwerk gezeigt. Am 30. Mai wird Haydée in Moskau beim Prix Benois mit einem Preis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. (GEA)

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