Konzert - Jazztrompeter Till Brönner und Akkordeonvirtuose Enrique Ugarte bei der Württembergischen Philharmonie

Mit Witz, Charme und viel Gefühl

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Im Frühjahr hat er als einziger Deutscher im Weißen Haus gespielt, nun hatte er sich für die Stadthalle angekündigt. Doch Till Brönner, jazztrompetender Popstar, macht es spannend. Seit Monaten ist das Konzert ausverkauft, Brönners Trompetenton ist Legende, sein Charme nicht weniger, auf Pressefotos sieht er aus wie ein Amalgam aus Frank Sinatra und James Dean. So einen schaut man sich gerne an, nicht nur als Frau.

Aber erst einmal bekommt man nur die Musiker der Württembergischen Philharmonie und den baskischen Gastdirigenten Enrique Ugarte zu Gesicht am Donnerstagabend. Wobei, was heißt hier »nur«! Das Orchester hat sich zur sinfonischen Big Band gruppiert, die Hornisten bilden mit den restlichen Blechbläsern eine »Brass Section« und Ugarte heizt dem Klangkörper am Pult ohne Stöckchen, dafür mit wehendem Pferdeschwanz so vehement ein, dass er vom Boden abhebt. Ein paar Takte lang klingt es eingangs noch etwas zu korrekt, doch dann beginnt Cole Porters sommerleicht wippender Swing-Song »Night and Day« ungemein lässig zu grooven.

Auftritt des Trompeters

Moment mal – war als Thema nicht Tango angekündigt? Der Tango kommt – und endlich auch der Trompeter. Und ja, er sieht gut aus, schlank, drahtig, fast ein bisschen schlaksig. Aber auch jetzt überlässt er erst mal noch seinem Kollegen das Wort, in der Moderation und auch in Piazzollas »Libertango«. Es ist Ugartes Akkordeon, das die Hörer auf watteweichen Sehnsuchtswölkchen ins Geschehen trägt, dieses Instrument, das so eng verwandt ist mit dem Bandoneon.

Brönner hingegen schleicht sich förmlich ins Geschehen. Schmiegt sich mit der Trompete erst in die unterschwellig groovende Begleitfigur, während Ugarte an den Akkordeontasten das Thema aufsteigen lässt, zart, schimmernd und voller Sehnsucht. Aber dann kommt sie doch, Brönners Trompete, mit diesem unnachahmlich samtweichen und dabei doch verletzlichen Ton, mit dem man Eisberge zum Schmelzen bringen könnte. Mit unendlichem Feingefühl streichelt er die Mittellagen, um sich dann aufzuschwingen und in ganz locker geflochtenen Tongirlanden dahinzusegeln. Grandios. Und nun ist er auch als Moderator und Entertainer da. Ganz locker plaudernd, völlig allürenfrei und sehr charmant. Druckreife Sätze schüttelt er scheinbar ganz lässig-spontan aus dem Ärmel, die Pointen sitzen. »Mit dem Tango hatte ich bis vor Kurzem so viel zu tun wie mit dem Aschenbecher in der Garderobe«, witzelt er.

Später wird er die Halle loben (»Einen klasse Saal habt ihr hier, der klingt richtig gut!«), das Orchester gleich mit (»eines der wenigen in diesen Breiten, das fähig ist, zu swingen«). Ganz am Ende, vor der letzten Zugabe, plaudert er sogar noch aus dem Nähkästchen seines Besuchs im Weißen Haus. Das sich angefühlt habe wie ein Kreuzfahrtschiff: »überall alte Möbel und immer schwankt es ein bisschen«. Auf der Bühne Legenden von Herbie Hancock bis Wayne Shorter – was konnte er da schon beitragen? Nichts Geringeres als den »ersten Jazzer« persönlich – als den er Bach ausgemacht hat. Mit Brönners Improvisationen zu dessen »Air« endet auch der Abend in Reutlingen.

Und was war das für ein Abend bis zu diesem Schlusspunkt! Gänsehautmomente, als Ugarte mit dem Akkordeon gemeinsam mit dem Orchester Piazzollas »Oblivion« zelebriert. Und noch stärker, als er und Konzertmeister Fabian Wettstein sich in Piazzollas »Adios Nonino« die seufzenden Motive zuwerfen. Sagenhaft, wie Ugarte in »La Cumparsita«, dem Tango aller Tangos, die Akkorde ultrakurz anreißt. Wie er mit bebendem Finger auf der Taste Vibrato erzeugt. Wie er Töne locker antremoliert, als wäre es nichts.

Erinnerung an eine Sommerliebe

Dann wieder Brönner. Hauchfein, fast brüchig schon beschwört er die bittersüße Erinnerung an eine Sommerliebe. (Zuvor hat er noch über sphärisches Klavierplätschern den englischen Text rezitiert.) Um später in Chick Coreas »Fiesta« die Fanfaren stahlhart in den Raum zu stellen.

Dann loten sie wieder beide mit einem Grinsen die Verwandtschaft baskischer Folklore zu Hansi Hinterseer aus. Oder liefern sich ein wahres Duell in Coreas »Fiesta«, wozu das Publikum die spanische Rhythmik klatscht. Geschickt wird das Orchester einbezogen, dazu auch eine Jazzband, die Brönner mitgebracht hat und die geschmeidige Soli an Saxofon, Kontrabass und Klavier beisteuert. Die Streicher berühren mit warmem, tiefgründigem Ton in »Adios Nonino« und sprühen vor Temperament in Coreas »Spain«. Die Bläser lassen funkelnde Einwürfe aufblitzen und legen feingliedrige Harmonieteppiche. Die Schlagwerker zaubern ein luftiges perkussives Klangfarbenspiel.

Und immer wieder die beiden Solisten, wobei Ugarte in fliegendem Wechsel zwischen seinem Akkordeon und der Leitung des Orchesters hin- und herschaltet. Keine Frage, die beiden haben richtig Spaß – und der überträgt sich unwiderstehlich aufs Publikum, das am Ende stehend applaudiert. Ein ganz besonderer Abend mit zwei ganz besonderen Künstlern. Allein dafür, dass so etwas möglich ist in Reutlingen, hat sich der Bau der Halle gelohnt. (GEA)



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