Kultur
Konzert - Die Dark-Wave-Band Diorama lockte die Liebhaber dunkler Klänge und dunkler Klamotten ins franz.K

Melancholischer Triebüberschuss

VON THOMAS MORAWITZKY

REUTLINGEN. Es beginnt mit einem Elektrobeat, der gut und gerne 30 Jahre alt sein könnte: Die Reutlinger Band Diorama weiß am Freitagabend im franz k. sehr genau, wo sie hin möchte, und dort kommt sie auch an. Dort, das ist so ziemlich genau der Zeitpunkt, an dem aus Joy Division New Order, aus dem widerspenstigen New Wave ein neues Genre wurde, in dem die Ästhetik dieser Jahre bis heute fortlebt: Dark Wave Elektro.

Die Fangemeinde ist eingeschworen und reisefreudig, aber für Diorama ist es ohnehin ein Heimspiel: Das franz.K ist mit mehr als 330 Besuchern randvoll am Freitag. Wer anderes als Schwarz trägt, fällt auf - die Szene ist modebewusst, und sie liebt die Dunkelheit.

Vorbereitet wurde der Auftritt von Diorama durch die ganz ähnlich gestimmte Band In Strict Confidence, die mit zwei weiblichen Mitgliedern und durchweg deutschen Texten aufwartete. Deutsch wird auch bei Diorama hin und wieder gesungen. Gerade diese Texte sind es, die den Unterschied zum klassischen New Wave deutlich machen: Ging es damals darum, ein düsteres Unbehagen an der Kultur zu artikulieren, geht es heute darum, eine emotionale Alternativwelt zu errichten. Inbrünstig werden tiefe Gefühle und Werte besungen.

Der Sound jedoch ist derselbe und wird von Diorama mit einer Perfektion in Szene gesetzt, die die Lektion ihrer Vorbilder gelernt hat. Zu diesen Vorbildern zählen auch die frühen Human League und die frühen Sisters of Mercy, Bauhaus sollte nicht vergessen werden, Anne Clark und vielleicht auch OMD.

Die stilbewusst sonore und elegische Stimme von Diorama-Sänger Torben Wendt erinnert mit ihrer gepressten Artikulation an Peter Heppner von Wolfsheim. Dissonanz sucht man vergeblich in dieser Musik - dafür entströmen dem Keyboard immer wieder kleine, in den tanzbaren Gesamtsound eingebettete Klangwunder; die Gitarre durchschneidet hell das dunkelharmonische Bild.

Torben Wendt, in schwarzer Jacke, wirbelt in einer nervös introvertierten Theatralik vor den Musikern umher und hebt beschwörend die Hände. Vor der Bühne: Männer in langen schwarzen Röcken mit Kajal um die Augen, Frauen in Latex oder schwarzem Korsett - ein großes Publikum, das ekstatisch reagiert auf das Peitschen der Rhythmen, das Pathos der Melodien, den melancholischen Triebüberschuss.

Einer, der tatsächlich Weiß trägt, ist Markus Halter, Schlagzeuger von Diorama. Er spielt zusammen mit den synthetischen Rhythmen, die Keyborder Felix Marc beiträgt. Aktuell kommt die Band ohne Bass aus, die Gitarre wird bedient von Sash Fiddler. Die jüngste CD von Diorama heißt »Cube« - und so sieht die Bühne aus: Marc und Fiddler stehen mit ihren Instrumenten in kubischen Käfigen, im Hintergrund aufgespannt weißes Tuch. Kontrastreiche Lichtregie, mal in Schwarz-Weiß, mal kühles Rot oder Grün. Ein Song geht zu Ende und Torben Wendt steht da, im gleißenden Gegenlicht, die Handflächen gestreckt, erstarrt in seiner Pose, ein Schatten. (GEA)

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