Kultur
Literatur - Ottilie Wildermuths Geschichten aus schwäbischen Pfarrhäusern in der »Kleinen Landesbibliothek«

Liebevolle Zeitbilder mit Schalk

TÜBINGEN. Das Projekt der »Kleinen Landesbibliothek« im Klöpfer & Meyer-Verlag stößt auf beachtliche Resonanz, wie sich bei der Präsentation des neuen Bandes »Ottilie Wildermuth: Schwäbische Pfarrhäuser« zeigte. Mit annähernd 100 Zuhörern war die Buchhandlung Osiander gut gefüllt. Mit der Gesprächsrunde um Reinold Hermanns vom Südwestrundfunk war Sachkunde geboten: Wildermuth-Herausgeber Friedemann Schmoll sowie der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger und der emeritierte Jugendpsychiater Reinhart Lempp analysierten die Begünstigungen und Zwänge, welche die Herkunft aus schwäbischen Pfarrhäusern jener Zeit mit sich brachte.

Zuletzt trug auch das Publikum zur Wissensvermehrung bei. Auf die Frage, ob angehende Pfarrersfrauen nicht die Genehmigung der Oberkirchenbehörde zur Verehelichung benötigt hatten, wusste das Männerquartett keine Auskunft zu geben. Umso mehr Zuhörerinnen. »Meine Mutter musste 1929 noch ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, um meinen Vater, einen Pfarrer, heiraten zu können«, erinnerte sich eine Frau lebhaft des ewigen Zorns der Mutter über dieses Begehr. Andere Stimmen berichteten von oberkirchenbehördlichen Kontrollen bis in die Jahre 1940, 1950 und gar 1968.

Amüsante Umschreibungen

Derlei Schattenseiten der Pfarrersexistenz werden von Ottilie Wildermuth in liebevolle Formulierungen gehüllt. Selbst die Erzählung vom geizigen Pfarrerspaar wird in amüsante, das Leid dämpfende Umschreibungen gepackt. Doch blitzt die Realität immer wieder wie ein Schalk in Wildermuths Worten auf. Angesichts der um sich greifenden Industrialisierung stellte ihr literarisches Gemälde schon damals ein »Reservat der Behaglichkeit« dar, wie Herausgeber Schmoll formulierte. Doch dieser Idylle verleihen der Autorin herbere Zeichenstriche der menschlichen Natur die Wertigkeit und Würze.

Am deutlichsten charakterisiert die 1817 in Rottenburg geborene Richterstochter im »Haselnuss-Pfarrer« ein wenig vorbildhaftes Exemplar dieser Zunft: Vom liebelosen Pfarrerspaar wartet sie darauf, dass Gott ihn zuerst zu sich nehme, »dann könnte ich nach Nürtingen ziehen«. Er sucht Trost in Wein, Haselnüssen und dem Bassgeigen-Spiel, wie der Vikar zu seiner Erschütterung entdecken muss.

Doch auch im »freundlichen Pfarrhaus« weiß Wildermuth das Bild der hingebungsvoll einander zugetanen Pfarrersleut? effektvoll zu kontrastieren. Hier sind es »verknöcherte Seelen« von besuchenden Bürgern, die bei so viel Freude und Frieden auftauen und auf die Idee kommen, mal wieder einen Kuss außerhalb der üblichen drei Gelegenheiten pro Jahr - die zwei Geburtstage und Weihnachten - auszutauschen.

Wildermuths Geschichten aus schwäbischen Pfarrhäusern waren nicht nur ein immenser Verkaufserfolg ihrerzeit, sondern zeigten auch Wirkung bei der beschriebenen Klientel: 1857 spricht die Autorin in einem Brief von einem geplanten Ausflug, bei dem sie auch einige Pfarrhäuser aufsuchen wolle, »vorausgesetzt, dass sie mich nicht totschlagen«.

Heutzutage könne Wildermuths Pfarrwelt nicht mehr angetroffen werden, war sich die Expertenrunde weitgehend einig: Es gebe nicht mehr diese abgeschlossenen Dörfer mit dem Pfarrer als praktisch einzigem Akademiker. Ihren Reiz haben die Geschichten der Rottenburger Schriftstellerin dennoch lange nicht verloren. (sol)


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