Kultur
Ausstellung - Der Bauernkrieg in der Kunst von 1970 bis 1990. Künstlerische Rezeption im geteilten Deutschland

Lange angesammelter Brennstoff

VON GÜNTER RANDECKER

BÖBLINGEN . Vor rund 500 Jahren: Bundschuh (1513), Armer Konrad (1514), Reformation (1517), Ratgeb-Altar (1519), Bauernkrieg (1525). »Der Druck, der auf dem Volke lastete, hatte lange vor der Reformation Luthers Aufstände veranlasst und eine allgemeine Empörung vorbereitet. Der Brennstoff war da, lange angesammelt, die Reformation trat nur hinzu.« Zu diesem Ergebnis kam über 300 Jahre später der Historiker und Pfarrer Dr. Wilhelm Zimmermann in seinem epochalen Bauernkriegswerk. Die Herren machen das selber, »dass ihnen der arme Mann Feind wird«, predigte Thomas Müntzer. Martin Luther war anderer Meinung: »Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern«, hetzte er 1525: »Stecht sie, schlagt sie, würgt sie!«

Über 100 000 Bauern und Bürger waren damals von den fürstlichen Siegern abgeschlachtet worden. Bauernkrieg und Reformation in der Kunst im geteilten Deutschland der Jahre 1970 bis 1990 ist jetzt das Thema einer gemeinsamen Ausstellung der beiden Bauernkriegsmuseen in Böblingen und Mühlhausen (Thüringen). Bis 18. März ist diese Schau unter dem Titel »Sichtungen und Einblicke« in der Böblinger Zehntscheuer zu besichtigen. Ein Katalog (20 Euro) enthält eine gutes Dutzend fundierter Aufsätze.

Wie haben sich Maler, Grafiker, Bildhauer in Ost und West diesem Themenkreis gestellt? Für den bei Mainz lebenden Künstler Eberhard Linke (Jahrgang 1937) ist Luther ein Mann des Widerspruchs; die farbige Terrakotta-Büste »Luthers Erinnerung an Müntzer« weist im Gesicht des Reformators von der Stirn bis zum Kinn Risse auf, und hinter Luthers Kopf sieht man das Beil, mit dem der Henker Müntzer hinrichtete.

Die Bundschuh-Fahne gesenkt

Eine verkleinerte Ausgabe des Bad Frankenhausener Bauernkriegs-Panoramas von Werner Tübke (1929-2004) hängt im Eingangsbereich des Böblinger Museums: Müntzer als zentrale Figur der Schlachtenszene, die Bundschuh-Fahne resigniert gesenkt - eine Auftragsarbeit der Ex-DDR, eingeweiht in dem Moment, als der SED-Staat sich auflöste. Auch der Leipziger Maler Heinz Zander (Jahrgang 1939) ist ein Beispiel für »gut inszenierte Bilder« und - wie der Künstler eingesteht - »mit dem Zitat Renaissance« weniger Dürer als Grünewald. Sein »Trommler im Frühling« (1980) ruft den gemeinen Mann zum Aufstand gegen die Unterdrücker. Zander schuf auch die Tafeln für die 1975 eröffnete Zentrale Gedenkstätte Deutscher Bauernkrieg in Mühlhausen.

»Das bewusst Bühnenartige der Szenen, die ganze Formensprache mit all ihren Verzeichnungen im Figürlichen«, so erkennt der Leiter des Bauernkriegs-Panorama-Museums, Gert Lindner, seien Ausdruck einer Haltung, die auf Verfremdung, Subversion, Ironie und Historisierung setzt, »die Zanders Kunst im Kontext des Leipziger Manierismus so einzigartig macht.« Mit der Bearbeitung historischer Themen hätte sich für Künstler in der DDR »eine Nische künstlerischen Freiraums« eröffnet.

»Die Feldzüge des Streiters von der Achalm«, des Holzschneiders HAP Grieshaber (1909-1981), präsentiert Dr. Daniela Tandecki in ihrem Beitrag unter dem Titel: »Bauern, Bürger, Bocksgesänge«. Das Geschichtsbewusstsein sei niedergeknpüppelt worden im Bauernkrieg, der »einzigen Revolution der deutschen Untertanengeschichte«, so Grieshaber.

Sein Jerg Ratgeb-Triptychon ist ein zentraler Teil der Ausstellung. Über Florian Geyers Schwarzem Haufen weht die Bundschuhfahne - allerdings sind Grieshabers Bauernhaufen als gesichtslose Masse dargestellt. »Das problematische dieser Vereinnahmung des Bauernkriegsthemas ist das Negieren der Historizität des Bauernkriegsgeschehens«, urteilt die Ko-Kuratorin Ulrike Pennewitz, was jedoch auch die Chance bot, »die kritische Vergangenheitsperspektive auf aktuelle Probleme zu lenken.«

Konträres Geschichtsbewusstsein

In der Grafikmappe »Dran Dran weil ir Tag habt« hätte sich auf der Ebene von Kunst und Literatur »das gegenläufige Geschichtsbewusstsein in Ost und West« in einem einmaligen Projekt vereint. Der Besucher freut sich über all diese Entdeckungen, auch wenn manche dieser Werke aus den Museen verschwunden sind (und nur noch in Depots lagern). Grieshabers Feldzüge hätten »über die Grenzen des Ländles hinaus« bleibende Spuren hinterlassen, heißt es im Katalog-Kapitel »Vier Fäuste und ein Preis für Ratgeb«.

Gezeigt werden auch die expressiven Kohle- und Kreidezeichnungen aus dem Bauernkriegszyklus von Alfred Hrdlicka (1927-2009). Dessen Heilbronner Schüler, Dieter E. Klumpp (Jahrgang 1955), - vertreten in der Ausstellung durch eine Bildhauerzeichnung - hat vor 25 Jahren eine dreiteilige Skulptur zu Ehren der »Schwarzen Hofmännin« geschaffen, laut Zimmermann eine »Art Jeanne d' Arc des Bauernkrieges«, die die Bauern beim ostersonntäglichen Sturm auf Weinsberg segnete und antrieb. (GEA)


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