Konzert - Blackmore’s Night und Roth Keyfiddle Journey frönen auf dem Thiepval-Gelände dem Mittelalter-Pop

Lady Candice und ihr Gitarrist

VON ARMIN KNAUER

TÜBINGEN. Ein Konzert von Blackmore’s Night ist nicht einfach ein Konzert. Es ist eher, als würde man einfach mal so in die Welt eines Fantasy-Romans reinspazieren. Im Hintergrund erstreckt sich wie eine Renaissance-Festung das ehemalige Stabsgebäude der Thiepval-Kaserne. Statt Raubrittern haust heute unter anderem das Finanzamt drin, aber bitte jetzt keine geschmacklosen Anmerkungen wie: »Wo ist der Unterschied?« Im Vordergrund haben die Marketender ihre Zelte aufgebaut und verkaufen, was der Mittelalter-Szenemensch von heute so braucht: Schilde und Kutten, Tand und Totenköpfe.

Candice Night glänzt als Sängerin
Candice Night glänzt als Sängerin FOTO: Armin Knauer
Auf dem ehemaligen Exerzierplatz der Kaserne ist die Bühne aufgebaut, sie gleicht der Ritterburgkulisse eines Vergnügungsparks. Fürs Publikum hat man kurioserweise weiße Campingsessel aus Plastik hingestellt, aber das ist nicht in dem Sinne ein Stilbruch, weil das Prinzip ja gerade ist, dass in dieser Fantasiewelt alles durcheinandergeht. Burgfräuleins schweben einher mit transparent wehenden Ärmeln und kompliziert verschnürten Korsagen; ein Mittzwanziger in Mönchskutte nippt am Bier im Plastikbecher; und gleich nebendran haben ein paar tätowierte Jungs in Rockerkluft Platz genommen – für sie ist Ritchie Blackmore noch immer der Rockgitarren-Gott aus Deep-Purple-Zeiten.

Charismatisches Gitarrenspiel

Und es ist ja wahr: Als Gitarrist ist Blackmore noch immer so unfassbar charismatisch, dass ihm die harten Jungs den Ausstieg aus dem Metal-Milieu verzeihen und sich für ihn sogar zwischen Burgfräuleins setzen. Mit Blackmore’s Night hat Blackmore ganz andere Möglichkeiten, sich auszuleben. Er tut es. Er baut in das Intro des Deep-Purple-Covers »Soldier of Fortune« Flamenco-Riffs ein, er schickt weit ausgreifende Saiten-Fantasien in den Raum, um plötzlich zu jazzen oder zu rocken. Man könnte auch den ganzen Abend nur ihm zuhören, wie er auf den Saiten durch Epochen und Kulturen kurvt.

Aber man könnte natürlich auch einen ganzen Abend lang nur der Stimme seiner Frau Candice Night zuhören. Es würde im Grunde sogar schon reichen, sie einfach nur anzuschauen, weil sie eine eminent attraktive Frau mit einem eminent unwiderstehlichen Lachen ist. Aber ihre Stimme, die ist nochmal eine Nummer für sich: ganz klar und rund mit einer warmen, sanften Rauigkeit. Und mit einer besonderen dunklen Färbung, bei der gewissermaßen die Emotionen unter der Decke brodeln.

Es ist dieses Paket aus Blackmores Gitarren-Charisma und Nights unwiderstehlicher Stimme, die alles überstrahlt in diesem Projekt – und dazu führt, dass die beiden innerhalb dessen im Grunde alles anstellen können, was ihnen Spaß macht. Was sie denn auch ganz ungeniert tun. Unterstützt im Übrigen von Musikern an Geige, Flöte, Backing Vocals, Keyboard, Bass und Percussion, die alle auf erlesenem Niveau spielen.

Die ersten paar Lieder halten sich Blackmore und Night noch an einen festen Plan, dann wird unbekümmert improvisiert. »Gibt’s Wünsche?«, fragt sie ins Publikum. Titel werden gerufen, Titel werden gespielt. Oder Blackmore stimmt einfach ein Intro an, sie reißt die Augen auf: »Machst du Witze?« Und singt dann doch: »I got you, Babe«, den Uralt-Schlager. In anderen Stücken geht man lustvoll fremd, streift »Hava Nagila« und »Moskau, Moskau«, nicht etwa von Night, sondern von Keyboarder David Baranowski alias »Bard David« aus voller Brust gejohlt. Und als es da heißt: »Wirf die Gläser an die Wand!«, reicht ihm Candice mangels Glas einen Barhocker zum An-die-Wand-Schmeißen.

Feiern, bis der Schlager kracht

Kurzum, es wird gesungen und gewitzelt, gefrotzelt und gefeiert, was der Augenblick hergibt. Und es ist Candice Night vermutlich schnurzegal, dass sie dabei öfter mal die Niederungen des Festzeltschlagers streift. »Warum muss sie nur so einen auf Ireen Sheer machen, wo sie doch so tolle Lieder hat«, seufzt eine Besucherin – verständlicherweise.

Andererseits muss man sagen: Die magischen Momente sind da. Schon bei Thomas Roth, ehemals Mitglied der Mittelalter-Kultgruppe »Des Geyers Schwarzer Haufen«, nun mit seiner eigenen Band »Roth Keyfiddle Journey« als Vorgruppe da, gibt es sie: Tastenfidel trifft auf Dudelsack und Trommel, virtuose Geigen-Riffs à la Paganini treffen auf archaische Vokallinien – faszinierend!

Und was Blackmore’s Night betrifft: Auch die schlagerartigen Tanzlieder sind hier in erlesene Arrangements gebettet, sind durch Geigenlinien und opernhafte Backing Vocals, Flöten, Schalmei und Blackmores Gitarre veredelt.

Zarte Balladen

Und natürlich gibt es auch die ganz innigen Balladen. Die Momente, in denen nur Candice’ Stimme getragen vom zarten Puls von Blackmores Mandola über dem Platz schwebt. Ehe sich nach und nach alles mit immer mehr Energie vollsaugt und das erst ganz zarte Lied in eine überwältigende Rocknummer mündet. In »Temple of the King« etwa oder in »Darkness« oder, vielleicht am ergreifendsten, in »Soldier of Fortune«.

Ja, es gab Gänsehaut. Und Party gab es auch. Blackmore und Night machen einfach das, was ihnen Spaß macht, und nehmen das Publikum dabei mit. Wenn man es schafft, sich in dieses Geschehen fallen zu lassen, dann sind das vielleicht die schönsten Konzerterlebnisse. (GEA)



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