Kultur
Musikfest - Auftakt mit einem über vierstündigen Konzert für das allsommerliche Festival der Internationalen Bachakademie in der Stuttgarter Liederhalle

Klingende Nachtgedanken

VON ALEXANDER WALTHER

STUTTGART. Mit einem über vierstündigen Mammutprogramm im Beethovensaal der Liederhalle eröffnete das dreiwöchige Musikfest Stuttgart am Wochenende seine diesjährige Auflage. Diese steht unter dem umfassenden Motto »Nacht«. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Schaffen von Robert Schumann aus Anlass von dessen 200. Geburtstag.

Christiane Iven und das SWR-Sinfonierorchester eröffneten unter Leitung von Pietari Inkinen in der Liederhalle das Musikfest Stuttgart. Leider sind Festspielorchester und Festspielchor, seit 2001 aus internationalen jungen Musikern gebildet, Vergangenheit. FOTO: MUSIKFEST
Christiane Iven und das SWR-Sinfonierorchester eröffneten unter Leitung von Pietari Inkinen in der Liederhalle das Musikfest Stuttgart. Leider sind Festspielorchester und Festspielchor, seit 2001 aus internationalen jungen Musikern gebildet, Vergangenheit. FOTO: MUSIKFEST
Unter der Leitung des finnischen Dirigenten Pietari Inkinen spielte das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR zunächst die sinfonische Suite »Scheherazade« op. 35 von Nikolai Rimski-Korsakow. Inspiriert wurde der Komponist hier von der orientalischen Märchenkette »Tausendundeine Nacht«. Die kluge Scheherazade hat dem Sultan Schahriar diese Märchen erzählt und damit ihren Kopf gerettet. Ein herrisches Tonsymbol setzte sich bei dieser gelungenen Wiedergabe rasch durch - und die Geigerin Natalie Chee ließ die lyrischen Legato-Bögen voll erblühen. Der orientalische Prunk gipfelte hier in einem mitreißenden tänzerischen Taumel.

Hierzu boten die beiden Nachtmusiken aus der siebten Sinfonie von Gustav Mahler einen passenden Kontrast. Ein jähes Aufleuchten und Erlöschen wurde vom Orchester vor allem bei der ersten Nachtmusik sehr schön herausgearbeitet. Die gefühlvollen Melodien wechselten mit spukhaften Visionen und Nacht-signalen ab. Serenaden der Wiener Klassik meldeten sich dann bei der zweiten Nachtmusik zu Wort. Ein intimes Ständchen mit Mandoline und Gitarre überzeugte die Zuhörer. Horn, Harfe und Cello fanden zusammen.

Richard Wagners »Liebestod«

Deutlich von Richard Wagners Bühnenweihfestspiel »Parsifal« ist die Komposition »La mort de l'amour« aus »Poème de l'amour et de la mer« op. 19 des Franzosen Ernest Chausson beeinflusst. Bewegte Chromatik und leuchtende Diatonik wechselten sich ab, während die gut disponierte Sopranistin Christiane Iven ihre strahlkräftigen Kantilenen zum Ausdruck brachte. Sie überzeugte das Publikum auch beim »Liebestod« aus Richard Wagners Musikdrama »Tristan und Isolde«. Hier wurden immer kühnere Brücken von Tonart zu Tonart geschlagen, die Tristan-Harmonik setzte sich durch.

Bei der rasant interpretierten Tondichtung »Don Juan« op. 20 von Richard Strauss war das Radio-Sinfonieorchester voll in seinem Element. Pietari Inkinen arbeitete hier den schillernden Klangteppich imponierend heraus. Ein geradezu dionysischer Hymnus setzte sich durch. Und die frei erweiterte Sonatenform mit den »männlichen« Motiven des Helden setzte Glanzpunkte.

Zuletzt riss die grandios interpretierte Ballettmusik-Suite Nr. 2 op. 64b »Romeo und Julia« von Sergej Prokofjew die Hörer mit, wo die Blechbläser triumphierten und geradezu Begeisterungsstürme ernteten. Reiche und kühne Harmonik setzte sich vor allem bei »Romeo an Julias Grab« konsequent durch, während der Rhythmus sich bei den anderen Sätzen zuweilen zu atemlosem Taumel steigerte. Russische Melismatik war immer wieder präzis herauszuhören. Riesenjubel und Ovationen. (GEA)


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