Jazz - Sternal Transatlantic Trio im Pappelgarten

Klarheit und Komplexität

VON JÜRGEN SPIESS

REUTLINGEN. Sie nabeln sich vom Swing ab hin zu einer eigenen Auffassung von modernem Jazz. Das seit 2009 bestehende Sternal Transatlantic Trio überzeugt am Dienstag im gut besuchten Pappelgarten nicht nur mit balladesken Stücken, sondern auch mit unbeschwertem Drauflos.

Dabei wirkt die Musik des erst 33-jährigen Pianisten aus Mainz auf den ersten Blick eher unspektakulär, auf die reine Trioform reduziert etwas unterkühlt, aber reflektiert und bodenständig. Von Beginn an geht Sebastian Aaron Sternal mit viel rhythmischer Energie in die erste Runde, so als hätte er bereits ein halbstündiges Warm-up hinter sich. Auch dem Publikum wird an diesem Abend kaum Gelegenheit zum Eingewöhnen gegeben.

Vieles erscheint improvisiert, aber auch enorm ausgereift. Das seit 2009 kontinuierlich mit dem US-Bassisten Larry Grenadier und dem Kölner Jonas Burgwinkel am Schlagzeug besetzte Trio ist ein eingeschworenes in jenem Sinne, dass sich eine Verständigung beinahe zu erübrigen scheint.

Was seine Musik betrifft, geht es dem zweifachen Echo-Jazz-Gewinner um die Anverwandlung der Jazzgeschichte, die er dabei sehr offen definiert: von bekannten Standards wie Cole Porters »All of you« über ausgesuchte Eigenkompositionen wie »I am the Ocean«, »Gravity« oder »Baloo Boo Boo« bis hin zu wunderschönen Balladen wie »Winter« oder das Zugabenstück »Twin Song«, alle vom brandneuen Album »Home«.

Polyrhythmische Strukturen und dynamische Feingliederungen, Hochgeschwindigkeits-Exkurse und sorgsam integrierte Momente der Reduktion verschaffen den Kompositionen eine musikalische Dramaturgie, die den schmalen Grat zwischen Klarheit und Komplexität perfekt auslotet. Das liegt an Sternals musikalischer Präsenz, aber auch an der Aufmerksamkeit und Vitalität von Larry Grenadier und Jonas Burgwinkel, die von Zeit zu Zeit furios drauflos improvisieren.

Die Virtuosität, mit der der Drummer vom Anschlag mit Schlegeln bis zur rhythmischen Brechung immer wieder neue Formen der Tonbeeinflussung findet, hat viel Schauwert, bewegt sich aber immer im Sinne der Sache. Beeindruckend auch die musikalische Strenge und Hartnäckigkeit, mit der Sebastian Sternal die Töne zu langen Bögen formt. Obwohl es den in Köln lebenden Pianisten selten an die Ränder zieht, wirkt sein Spiel niemals monochrom, sondern elegant und pointiert. Er ist der Kopf der Band, der Mann, der die Stücke schreibt – und wie es sich für ein ordentliches Jazztrio gehört, lenkt er vom Klavier aus.

Vor allem im zweiten Set verlässt das agile Trio wiederholt die vorgezeichneten Bahnen. Dann rollt Sternals Piano wie weiland das von Dollar Brand, und er liefert sich ein Scharmützel mit Bass und Schlagwerk. Dafür gibt es am Ende des zweistündigen Konzerts wohlwollenden Beifall. (GEA)

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