Buch - Drei Reutlinger Herausgeber präsentieren mit »Wundersame blaue Mauer!« eine reizvolle Alb-Anthologie

Karge Gegend, blühende Literaturlandschaft

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

REUTLINGEN. Der Holzschneider HAP Grieshaber nimmt die Betrachtung der Alb zum Anlass, um über Brüderlichkeit und gute Nachbarschaft, Heimat und das Gärtnern zu philosophieren. Der Schriftsteller Thaddäus Troll (eigentlich Hans Bayer) stellt - ausgehend von einer Anekdote - fest, dass der Schwabe aus einem »Sack von Widersprüchen« besteht und die Alb »zu Extremen neigt«. Das sind nur zwei der vielen Stimmen, die Wolfgang Alber und Brigitte und Hermann Bausinger in ihrer Alb-Anthologie »Wundersame blaue Mauer!« (erschienen bei Klöpfer & Meyer, Tübingen) zu Wort kommen lassen.

Wolfgang Alber (links), Brigitte Bausinger und Hermann Bausinger bei der Buchvorstellung in der Reutlinger Stadtbibliothek.
Wolfgang Alber (links), Brigitte Bausinger und Hermann Bausinger bei der Buchvorstellung in der Reutlinger Stadtbibliothek. FOTO: Christoph B. Ströhle
Das Herausgeber-Trio hat sich nach eigenem Bekunden bemüht, Blicke von außen solchen gegenüberzustellen, die in der Landschaft das Vertraute sehen. Distanz und Voreingenommenheit, Empfindung und kühle Analytik, all das findet sich in dem 350 Seiten umfassenden Buch, das Alber und das Ehepaar Bausinger am Dienstag in der gut besuchten Reutlinger Stadtbibliothek vorstellten.

Die Literatur greife nicht nur das in der Landschaft Vorgefundene auf, sie habe »unseren Blick auf die Alb auch geprägt«, sagte der frühere Direktor des Tübinger Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft, Hermann Bausinger. »Vor 300 Jahren haben die Menschen nicht von der Schwäbischen Alb als Landschaft gesprochen, sondern als einer kargen, etwas abweisenden Gegend.« Durch die Dichtung und den Trend zum Wandern - im Zuge der Aufklärung wie der Romantik - habe sich das geändert.

Erzählungen, Essays und Gedichte aus zwei Jahrhunderten finden sich in dem Buch - von Hölderlin bis Hauff, von Uhland bis Mörike, von Margarete Hannsmann bis Werner Herzog. Den Titel hat sich das Trio bei Eduard Mörike geborgt. In dessen »Stuttgarter Hutzelmännlein« heißt es: »Mit großen Freuden sah er bald von der Bempflinger Höhe die Alb als eine wundersame blaue Mauer ausgestreckt.« Ein Bild, das sich eingeprägt hat. Als Hermann Bausinger bei der Lesung einschränkend kommentiert, er selbst »sehe die Alb immer noch nicht blau - meistens«, schallt Gelächter durchs Erdgeschoss der Stadtbibliothek.

Mager seien die Äcker, doch fänden sich noch in den ärmlichsten Flecken drei Wirtshäuser, stellt der schwäbische Mundartdichter Wendelin Überzwerch (eigentlich Karl Wilhelm Fuß) im 20. Jahrhundert fest. Bei dem evangelischen Pfarrer und Heimatforscher Friedrich August Köhler, der im Jahr 1790 zu Fuß von Tübingen nach Ulm reiste, findet sich eine Beschreibung der Einwohner Gächingens und Ohnastettens. Die Liebe zum Trunk sei das Hauptlaster der Bauern dort, heißt es über die Ersten - ganze vier Wirtshäuser gebe es. Die Ohnastetter bildeten eine rühmliche Ausnahme. Dass sie fast nie die Schenke besuchten, sei »gewiss nicht die letzte Ursache des ziemlichen Wohlstandes aller Einwohner dieses Örtchens«, notiert Köhler.

ABC-Pflaster gegen Kälte

Der Reporter Peter Sandmeyer beschreibt, wie die Alb »Karriere in der deutschen Gemütshierarchie« machte, indem sie »vom Schreckensort zur Stätte der Empfindung romantischer Schauer avancierte«. Die raue Alb diene der schwäbischen Seele mittlerweile als »naturheiliges ABC-Pflaster gegen die Kälte der technisierten Welt drunten im Tal«.

Wenn Margarete Hannsmann in Buttenhausen und Zwiefalten den Verbrechen der NS-Zeit nachspürt, offenbart sich die Alb als bedrückende Geschichtslandschaft. Ein Gedicht von Werner Dürrson mit dem Titel »Grafeneck«, das bohrende Fragen zum staatlich organisierten Töten stellt, gehört zu den ergreifendsten Texten im Buch. Das Gedicht macht außerdem deutlich, warum Dürrson, der 2008 starb, zu den ganz Großen der Lyrik zu zählen ist. (GEA)



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