Musica Nova - Duo Hirschfeld-Albert im Spendhaus

Intimes und Spukhaftes

REUTLINGEN. Die Gitarre muss was einstecken beim Konzert von Sebastian Albert und C. René Hirschfeld am Freitag im Spendhaus. Korpus-Perkussion hat man von Gitarristen ja schon gehört; doch Sebastian Albert verpasst seinem Instrument in Horst Lohses »Lyrics« derart Hiebe, dass es einer Besucherin entfährt: »Er macht das Ding noch kaputt!«

Keine Angst, die Gitarre hat überlebt im Auftritt des Berliner Duos in der Musica-Nova-Reihe. Die jähen Ausbrüche an Gitarre und Geige in Lohses Stück sind Teil einer spukhaften Grundstimmung. Sein Dreisätzer ist so etwas wie Edgar Allen Poe in Tönen. Am Streich- und Zupfinstrument erlebt man unheilschwangeres Gemurmel, aufs Griffbrett geschlagene Akkorde, geisterhaftes Glissandieren und exzessives »Bending«, das »Ausbiegen« von Tönen, indem man die Gitarrensaiten »verzieht«. Kurzum, man taucht in eine Sphäre greller Kontraste und verzerrter Konturen. Spannend!

Ein ähnliches Wunderkabinett an Klangerzeugungs-Finessen lässt Geiger Hirschfeld später in seinem Solostück »Solitude« vom Stapel. Hoch virtuos, packend in seinen Kontrasten, im Grundton aber melancholisch. Hirschfeld hat den Satz einst für seine Geigenprüfung geschrieben – die Gesichter der Prüfer hätte man sehen wollen.

Wunderkammer der Töne

Ja, er ist schon viel Wunderkammer, dieser Abend, und die beiden Musiker zelebrieren das mit großer Intensität. Es ist aber auch ein Abend des bei allen Grellheiten intimen, anschmiegsamen Klangs. Auch das kann Neue Musik. Das Eingangsstück »Introduction e Aria« des Italieners Nuccio d’Angelo von 1993 will man fast gar nicht als solche bezeichnen, so spätromantisch klingt es; und doch haben die Anklänge an Flamenco und orientalische Musik ihren Reiz.

Vor allem der zweite Teil zeigt, dass auch in zeitgenössischer Ästhetik wie in Rainer Rubberts »Phillip’s Gone« ein persönlicher, intimer Ton stecken kann. Das Stück für Geige und Gitarre, eine Art Nachruf für einen Freund, bekommt durch eine um drei Ganztöne nach unten »verstimmte« Geigensaite eine charakteristisch schmerzliche Färbung. Schrille Doppelgriffakkorde an der Geige, fragile Flageoletts und metallische Effekte durch einen unter die Gitarrensaiten geschobenen Nagel tun ein Übriges, um eine im Inneren verstörte und gerade dadurch berührende Klangwelt zu schaffen.

Ausflug in den Zauberwald

Mit »Equinox« des Koreaners Toru Takemitsu kehrt Friede ein und ein dunkles Schweben sphärischer Gitarrenklänge. Am Ende gleitet man mit Hirschfelds »Nachtstück« in den Zauberwald von Shakespeares »Sommernachtstraum«. Waldweben hört man da, ein Schlaflied der Elfen, den Kobold Puck, in hohen Tönen scherzend. Was könnte auf so einen verwunschenen Kosmos als Zugabe folgen? Erstaunlicherweise ein kurzes Bach-Stück. Bach, sagt Hirschfeld, »ist immer zeitgenössisch«. (akr)



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02.07.2016