Konzert - Gitarristin Zsófia Boros im Pappelgarten

Intim undberührend

VON JÜRGEN SPIESS

REUTLINGEN. Ihr Motto lautet: Klasse statt Masse, leise statt laut. Dies unterstreicht die ungarische Gitarristin Zsófia Boros am Samstagabend bei ihrem Soloauftritt im gut besuchten Pappelgarten. Ein Konzert intim und berührend, ganz ohne Noten und wie aus einem Guss.Wenn man Zsófia Boros zuhört, wie sie ihre Gitarre streichelt, wie sie gleichsam mit ihrer Musik verschmilzt, kann man sich folgende Inszenierung vorstellen: Die Musik hat eine wundersame Oberfläche, sie lockt und reizt, sie lädt zum Verweilen und Anlehnen an. Aber wer die Ohren etwas weiter öffnet, die Strukturen der Klänge tief eindringen lässt, der findet auch ungewöhnliche Sounds, die so filigran und zerbrechlich sind, dass man sie für immer beschützen will. Ja, die Musik von Zsófia Boros ist wie ein Brief von einem guten Freund, eine eher stille, fast intime Angelegenheit. Die 36-jährige Ungarin hat sich ausschließlich der akustischen Gitarre verschrieben, ihre Technik, die sie in den 90er-Jahren am Konservatorium in Bratislava und am Béla-Bartók-Konservatorium in Budapest erlernte, kommt aus der klassischen Musik. Sie ist neben dem brasilianischen Gitarristen Egberto Gismonti vermutlich der einzige Mensch, der Gitarre spielt, ohne auch nur eine Sekunde an Jimi Hendrix zu denken. Zsófia Boros ist sicher die intimste Gitarristin in dem, was man gerade noch Jazz nennen kann, den sie systematisch vom Rand her umkreist. Zu Beginn ihres Solokonzerts ist die Stimmung noch abwartend, und auch Zsófia Boros braucht ein, zwei Stücke, um ihr Fingerpicking-Spiel zu entwickeln. Zwischen Nord- und Lateinamerika, zwischen Spanien, Argentinien, Kuba und Brasilien ist ihre Arbeit angesiedelt, in der es weniger um das Handwerkliche geht, als um das, was dahinter steckt: die Befindlichkeit der Musikerin bei so festgelegten Mustern, wie sie der Tango oder Flamenco fordert. Oder bei der Libertinage des Jazz, der sich sehr frei aus dem Kanon der Akkorde bedient. Titel wie Quique Sinesis »Cielo Abierto«, Ralph Towners »Green and Golden« oder Leo Brouwers »Un dia de Noviembre« vom Debüt-Album »En Otra Parte« decken ein breites Spektrum von Kompositionen ab, die sich von Candombe- und Milonga-Rhythmen über Flamenco und Walzer bis zu kubanischen Einflüssen erstrecken.Dennoch gelingt es der in Wien lebenden Gitarristin, schlüssig zwischen variierten Bündelungen und fantasievollen Melodieläufen zu changieren, die über eine Funktion als Fill-Ins weit hinausgehen. Die entstehenden Zeitlücken, die sonst von einer Rhythmusgruppe strukturiert werden, füllen jetzt ihr Gitarrenspiel und das mitfühlende Publikum. So erwärmt sich die Stimmungstemperatur von Stück zu Stück. Am Ende gibt es nicht enden wollenden Applaus, nach der Zugabe vereinzelt Bravo-Rufe. (GEA)

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