Reutlinger Musikfest - Das franz.K präsentiert beim Indi(e)stinction-Festival vom 19. Februar bis 23. März profilierte Alternativ-Acts

Indi(e)stinction-Festival: Zehn Mal gegen den Strich

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Wo sich die großen, kommerziellen Pop-Acts tummeln, wird's schnell mal eintönig. Doch jenseits der massenkompatiblen Stars von Madonna bis Helene Fischer mit ihren allzu vorhersehbaren Glamour-Shows hat sich eine rege Indie-Szene gebildet. Eine Szene, die auf Konventionen pfeift, Schubladen verachtet und Genres gegen den Strich bürstet. Aus diesem Reservoir hat franz.K-Leiter Andreas Roth die Künstler und Bands für das inzwischen dritte »Indi(e)stinction-Festival« gefischt.

Die Gruppe Algier aus Atlanta spielt am 22. Februar im franz.K. FOTO: PR
Die Gruppe Algier aus Atlanta spielt am 22. Februar im franz.K. FOTO: PR
Zehn Gruppen treten von 19. Februar bis 23. März im franz.K an. Jede ist auf ihre Weise ein Beweis, dass es anders geht als flach und stromlinienförmig. Dass Rock, Pop, Punk und Hip-Hop frech, kritisch, intelligent daherkommen können. Dass sich auch für so etwas ein Publikum findet, habe sich in den ersten beiden Ausgaben gezeigt, sagt Roth: »Das hat uns ermutigt.« Auf die Massen habe man es dabei gar nicht abgesehen, sondern auf Kenner und Liebhaber. In deren Kreisen habe die gut einen Monat dauernde Konzertserie bereits einen guten Namen.



Torpus & The Art Director. Los geht's am 19. Februar mit einer Band aus dem Umfeld der »Hamburger Schule«. Im Gegensatz zu ihren norddeutschen Kollegen von Kettcar sind sie Roth zufolge einem melancholischen Folk in der Tradition von Woody Guthrie verpflichtet. Ihr drittes Album »We Both Need To Accept That I Have Changed«, im Dezember erschienen, schlägt eher lyrische Töne an. Support sind Someday Jacob, ein Quartett um Songschreiber Jörn Schlüter, das im Folkrock der 70er-Jahre wurzelt.



Algiers. Die Gruppe aus Atlanta, die am 22. Februar auftritt, ist erst zum zweiten Mal auf Tour in Deutschland. Reutlingen ist dabei die einzige Station in der Provinz. Die Multi-Kulti-Truppe wurzelt in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung der USA und hier nicht zuletzt auch in der Bewegung der Black Panther. Sie bezieht in ihren Songs kraftvoll Stellung gegen Rassismus und rassistisch motivierte Polizeigewalt. In ihrer Musik mischen sich Gospel und Soul mit Punk, Rock und Hip-Hop. Support ist hier die Gruppe Kaufmann Frust.



Atari Teenage Riot. Die Gruppe, die am 23. Februar kommt, ist schon seit den 1990ern ein festes Pfund in der Indie-Szene. Sie holen Roth zufolge Techno aus der drogenschwangeren Partyecke und kreuzen ihn mit Rock und Punk. Immer schon sehr politisch sind sie gewissermaßen der Soundtrack zum digitalen Befreiungsprogramm des Chaos Computer Clubs. Begleitet wird der Auftritt von einem VJ und audiovisuellen Performances. Das Ganze mündet in eine Aftershow-Party mit DJ.



The Hirsch Effekt. Mit dem Trio aus Hannover kommt am 1. März eine waschechte Metal-Combo ins franz.K. Die drei Jungs geben dem Genre dabei derart präzise die Sporen, dass Roth zufolge Kunst daraus wird. In die stahlharten Rhythmusbretter mischt sich dabei Orchestrales und Elektronisches. Support ist die 2014 gegründete Reutlinger Band Kava Conspiracy, die psychedelischen Metal mit orientalischen Einflüssen verbindet.



Lúisa. Die erst 22-jährige Hamburgerin zeigt am 2. März, dass auch Songwriter-Pop »indie« sein kann. Ihr Album »Never Own« mischt Folk-, Pop- und Elektronik-Elemente. Kritiker schreiben von »unbeschreiblich weiblich, verletzlicher Seele und Kampfeslust«, fühlen sich an Björk, PJ Harvey und Hildegard Knef erinnert. Support ist die Gruppe Game Over Baby, die intime Pop-Arrangements auf einem Akustik-Bett aus Klavier, Gitarre, Kontrabass, Querflöte und Klarinette anrichtet.

Vizediktator. Die Berliner Combo, die am 5. März auftritt, rüttelt mit rauem Post-Punk und energetischen Pop-Bezügen am System. Kenner der Gruppe erkennen Bezüge zu den Fehlfarben und Beatsteaks: »fiebrig, verspult, gerade heraus« - dezidiert politischer Deutsch-Punk.



Zugezogen Maskulin. Nach der Antilopen-Gang kommt am 6. März eine weitere wichtige Hip-Hop-Formation aus dem linken Spektrum. So wie ihr Name den Männlichkeitskult ihres Genres ironisch bricht, reflektieren sie die Rap-Kultur und durchleuchten soziale Themen. Die beiden Rapper Grim 104 alias Moritz Wilken und Testo alias Hendrik Bolz, sind aus dem Nordosten nach Berlin eingewandert und haben von daher einen distanzierten Blick auf die Hauptstadt-Szene.



Wolf Mountains. Die Band, die am 10. März auftritt, gehört zu der enorm produktiven Stuttgarter Indie-Szene, die auch Die Nerven hervorgebracht hat. Den Abend mit eigenständigem Indie-Rock eröffnet die teilweise aus Reutlingen stammende Gruppe The Hunting Elephants um Sängerin Melissa Muamba.



La Gâpette. Die Gruppe aus der Bretagne demonstriert am 15. März, was man in Frankreich unter »Indie« versteht: dass nämlich Einflüsse aus Chanson und Folklore mit Folkrock- und Punk-Elementen kombiniert werden. Chansonpunk könnte man den wilden Mix auf treibenden Akkordeonsounds nennen - ziemlich interessant jedenfalls. Vorgruppe ist passend dazu die Band Swutscher aus Hamburg mit knarzenden Gesängen und viel Lagerfeuerromantik.



Isolation Berlin. Die Truppe, die am 23. März den Abschluss macht, ist neben den Nerven gerade das Indie-Ding der Stunde. Hoch emotionaler Rock mit expressionistischen, existenzialistischen Texten über die Zerrissenheit des Großstadtlebens. Im Gepäck die neue Platte »Vergifte dich«. Tobias Bamborschke war ja bereits im November mit einer Lesung im Vitamin in Reutlingen; nun rückt die ganze Combo an. »Wir sind glücklich, dass die hier spielen«, freut sich Andreas Roth. (GEA)

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