Konzert - Die fünf Ensembles des Chornetzwerks Baden-Württemberg übten in der Listhalle singend Sozialkritik

Im Prinzip: Hoffnung

VON HANS-JÖRG LUND

REUTLINGEN. Fünf Chöre haben sich unter dem Namen »Chornetzwerk Baden-Württemberg« zusammengetan: der DGB-Chor Zwischentöne Reutlingen, der Enrst-Bloch-Chor Tübingen, der Freie Chor Stuttgart, der Chor Kontrapunkt Ulm und der S.U.S.I.-Chor Freiburg. Am Samstagabend gestaltete dieses Netzwerk in der Reutlinger Listhalle ein Konzert über Macht und Geld unter dem Oberbegriff »Ausverkauf«.

Auf dem Plakat kauert ein Kind mit gesammelten Abfällen in einer Mülltüte zwischen dem Schattenriss eines Bullen und eines Bären, einer Plastik vor der Frankfurter Börse als Sinnbild von Macht und Geld. »Alles verändert sich, wenn wir es verändern«, hieß es dazu im Programmheft nach einem Zitat von Rio Reiser. Schon im Foyer der Listhalle traf man auf Stände von sozialkritischer Initiativen wie »Lebenslaute« oder »Attac«.

Die Chöre hatten sich zuvor zu einem Probenwochenende in der Akademie Ochsenhausen getroffen, wo man neben der Vorbereitung der anspruchsvollen Programme noch Gelegenheit fand, sechs gemeinsame Stücke zu erarbeiten. Das Programm wurde überwiegend auswendig dargeboten, wenn auch die Chorleiter selbst nicht immer auf ihre Partitur verzichten mochten.

Schicksal von Flüchtlingen

Selbst die etwas spröden Sätze von Hanns Eisler gelangen kantabel sowohl im großen Chor als auch im Ulmer Chor Kontrapunkt unter der Leitung von Carl Joseph Scheck. Wie Dagmar Stark launig moderierte, hatte der Chor ein paarmal seinen Namen und seine Mitglieder und Mitspieler geändert. Der gewandt und sensibel begleitende Pianist Alfred Bronner war das erste Mal dabei. Es ging um Manifeste des Widerstands, Arbeitslosigkeit und das Schicksal von »Sans Papiers«, also von Flüchtlingen ohne Aufenthaltsgenehmigung. Themen, die, vom Freien Chor Stuttgart vorgetragen, zu bedrückender Nachdenklichkeit führten. Erst mit Irving Berlins »Puttin' on the Ritz«, einer Übertragung eines Big-Band-Arrangements auf Chorstimmen, kam man auf andere Gedanken.

Ansgar Rettner zeigte sich als Klavierbegleiter und Arrangeur von vier Rio-Reiser-Stücken wie auch als Chorleiter versiert und spontan. In »Alles verändert sich« am Ende des Programms entstand aus einer kollektiven Begeisterung heraus im Chor eine eigene, zur Musik passende, schwingende Bewegung.

Sein Freiburger S.U.S.I. Chor war aus einer WG in einem besetzten Haus hervorgegangen, in der man die Bewohnerin Susi, die gerne laut sang, zu übertönen trachtete - mit Erfolg! Fern der Vorstellung einer solchen Szene entstand eine homogene Klangkultur und eine Botschaft, die verstanden wurde. Die Aufforderung, dass jeder, insbesondere weitere Männer, mitsingen könnten, wurde durch das jüngste, fünf Monate alte Chormitglied unterstrichen, das im Tragetuch am Auftritt seines Vaters teilnahm. Für andere »Zwischentöne« sorgte Katrin Seeger mit ihrem gleichnamigen Reutlinger Chor. In Stücken über Freiheit, Rauchzeichen, eine »Boni-Wiese« sowie in einer Collage mit einem Credo-Messteil balancierte man gekonnt zwischen extrem verschiedenen Welten.

Ein Lied über »virtuelles Wasser«

Besondere Aufmerksamkeit kam dem Tübinger Bloch-Chor unter Anne Tübinger zu: Die profilierten Texte um Schwarzes Gold, privatisiertes Wasser und vor allem »Virtuelles Wasser«, einer Komposition der Chorleiterin, beeindruckten durch originelle Vertonung und engagierte Diktion; Letztere zudem durch rhythmisch glucksende Tropfgeräusche aus den Kehlen der Sänger. Bei einigen Texten konnte man erschrecken, wie lange ein aktuelles Problem schon besteht, bei anderen hatte sich wenigstens die Perspektive etwas gewandelt. Es bleibt also weiterhin spannend, was jeder ändern will und kann. (GEA)



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