Ausstellung - Der Tübinger Künstlerbund setzt sich an drei Orten mit dem Tübinger Bildhauer Ugge Bärtle auseinander

Im Dialog mit einer Zentralgestalt

VON ARMIN KNAUER

TÜBINGEN. Dass Dagmar Waizenegger begeisterungsfähig ist, ist bekannt. So leidenschaftlich, so euphorisch, ja fast ekstatisch hat man die Kunstexpertin jedoch selten bei einer Einführungsrede erlebt wie am Donnerstagabend in der Kulturhalle. Recht hat sie. Mit der Schau »Begegnungen mit Ugge« ist dem Tübinger Künstlerbund ein großer Wurf gelungen.

Erstens deshalb, weil es nicht nur eine Schau über Ugge Bärtle (1907-1990), sondern vor allem auch eine mit ihm geworden ist. Im Mittelpunkt stehen die Arbeiten des 1990 gestorbenen Tübinger Bildhauer-Urgesteins. Die Arbeiten der Künstlerbündler gruppieren sich darum herum, bespiegeln Bärtles Plastiken und Grafiken gewissermaßen, bieten einen Resonanzraum für den Geist der Zentralgestalt, dessen Aura so noch wächst.

Zum Zweiten ist es deshalb ein großer Wurf, weil die beteiligten Künstlerbund-Mitglieder Ugge Bärtle nicht bloß als losen Ausgangspunkt nahmen, wie das ja oft so ist. Nein, hier haben sich die Künstler mit enormer Leidenschaft in die Auseinandersetzung mit dem Meister gestürzt, haben sich regelrecht in sein Werk verbissen. Um am Ende Werke vorzulegen, denen das Existenzielle dieser Auseinandersetzung eingeschrieben ist. Genau das ist es, was an diesen Arbeiten so bewegt.

Angestoßen hat diese Dreifach-Schau in der Kulturhalle, in der Künstlerbund-Galerie und im Ugge-Bärtle-Haus der Künstlerbund-Vorsitzende Ralf Ehmann. Selbst Bildhauer und Grafiker war es ihm ein Anliegen, diesen Gründervater der Tübinger Kunstszene in die aktuelle Diskussion hineinzuholen. Einen Mann, dessen Skulpturen und Plastiken die Stadt prägen, von seinem »Wengerter« bis hin zum Seelöwen im Freibad.

Einen Mann, der sich nie in die Öffentlichkeit gedrängt hat, der aber durch die Originalität seiner Kunst und die Authentizität seiner Persönlichkeit der Tübinger Kunstszene ein kraftvolles Gravitationszentrum gab. Ugge Bärtle, das war einer, der mit der Kantigkeit seiner Aussage dem Zeitgeist die Stirn bot - und dessen Arbeiten gerade deshalb heute noch aktuell wirken. Der Ära des Automobils setzt Bärtle trotzig sein Zentralthema des Reiters gegenüber. Bei ihm wird es zum zeitlosen Symbol für Hochmut und Fall, Harmonie und Bruch mit der Natur, Gelingen und Scheitern.

Pferd und Reiter

Dieses Zentralthema haben viele der Künstlerbund-Mitglieder aufgegriffen. Ralf Ehmann mit der beängstigenden Dynamik von Reiter und Pferd im Sturz in einer Bronzeskulptur und Lithografien. Carola Dewor mit einer riesigen, friesartigen Malerei, die ganz die Vitalität der Tiere ins Zentrum stellt und den stürzenden, scheiternden Menschen an den Rand rückt. Beides ist, wie die meisten großen Arbeiten, in der Kulturhalle zu sehen.

Susanne Immer greift die nervöse Anspannung in Ugge Bärtles »Föhnzeichnungen« auf, die er unter Migräne-Einfluss produzierte. Und verwandelt sie in ein Bahnen-Netzwerk roter Fasern, die durch ein Gerüst filigraner Papierröllchen eilen, Symbol rastloser Energieströme.

Drüben im Künstlerbund sind die kleineren, intimeren Arbeiten. Dort nimmt Jürgen Mack mit Ugge Bärtle Kontakt auf zu den archaischen Höhlenzeichnungen unserer Vorfahren. Ganz ähnlich wie Ralf Ehmann Bärtles urtümliche »Idole« in einem Reigen von Figurinen spiegelt.

Frido Hohberger tastet sich zeichnend an die runden, in sich geschlossenen Kopfplastiken Bärtles heran. Susanne Höfler beforscht in ihren Zeichnungen die räumliche Verdichtung und Dynamik in Bärtles Plastiken. Während Gerhard W. Feuchter dem Zeichenhaften in Bärtles Aktfiguren nachspürt.

Dieter Luz, Ralf Bertscheit, Jürgen Klugmann, Tilman Rösch und Anita Bialas knüpfen druckgrafisch oder zeichnerisch an die Grafik Ugge Bärtles an. Ulla Marquardt setzt in ihren großformatigen Fotoarbeiten das Material Stein, das Bärtle ein Leben lang beschäftigte, wie ein urgewaltiges Gebirge in Szene.

Axel von Criegern schließlich zeigt seine Holzplastik von 1985 aus einem Mahagoni-Stück, das ihm einst Ugge schenkte. Was er erst später erfuhr: Das Mahagoni-Stück hätte einen Tisch für den damaligen Künstlerbundvorsitzenden Kurt Hafner geben sollen. Auf den Tisch hatte Bärtle aber keine Lust. So war er eben, ein Zeitgenosse mit eigenem Kopf. Die Kunstwelt hat davon profitiert. Nicht nur die Tübinger, aber die besonders. (GEA)

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