Ausstellung - Unter dem Titel »Echo« setzen sich 13 Künstler mit der Dauerausstellung im Stadtmuseum auseinander

Im Dialog mit dem Damals im Stadtmuseum Tübingen

VON ARMIN KNAUER

TÜBINGEN. Wie gewinnt man einer Stadtgeschichtlichen Dauerausstellung neue Sichtweisen ab? Im Stadtmuseum Kornhaus hat man dazu zwei Strategien entwickelt. Erstens gibt es die »Interventionen«, die aktionsartig einen bestimmten Aspekt beleuchten. Zweitens holt man sich immer wieder zeitgenössische Künstler ins Haus, die sich mit den Exponaten auseinandersetzen.

»Schmerzensmann« aus der Jakobuskirche aus dem 15. Jahrhundert.
»Schmerzensmann« aus der Jakobuskirche aus dem 15. Jahrhundert. FOTO: Armin Knauer
Diesmal sind es gleich 13 Mitglieder des Tübinger Künstlerbunds, die in dieser von Evamarie Blattner ins Leben gerufenen Reihe »Kunst im Dialog mit dem Stadtmuseum« antreten. Vor zehn Monaten haben sie bei einem Rundgang die Fühler zu Exponaten ausgestreckt. Inzwischen sind die Arbeiten fertig und in jene Bereiche der Dauerschau verwoben, auf die sie sich beziehen. Die meisten der Beteiligten ließen sich von der Abteilung ältere Stadtgeschichte im zweiten Obergeschoss inspirieren. Es gibt aber auch Auseinandersetzungen mit dem Werk von Scherenschnittkünstlerin Lotte Reiniger, mit der Architektur des Hauses, mit der Flüchtlingsthematik und mit der industriellen Vergangenheit Tübingens. Bis 3. April bleiben die Arbeiten dort und kommentieren die Exponate.

Installation zu Flüchtlingen

Den aktuellsten Bezug stellt Ulla Marquardt her mit einer Installation aus alten Koffern und Rucksäcken auf Holzstühlen, wie sie früher in Tübingen produziert wurden. So, als hätte eine Gruppe Flüchtlinge ihre Sachen nur kurz abgestellt. Brezel und Cappuccino stehen noch da – wie fremd mögen solche Speisen auf die Neuankömmlinge wirken?

Auch Annette Janle hat die Flüchtlingsthematik aufgegriffen – ausgehend von einer historischen Model-Rolle. Statt Plätzchenmuster hat sie eigene Motive in Nudelhölzer geschnitten und diese als Druckwalzen benutzt. Mit Wachs überarbeitet und durch Ritzzeichnungen ergänzt werden daraus eindrückliche Bilder von Flucht und Ausgrenzung: mit überfüllten Booten und Stacheldraht.

Ralf Ehmann taucht dagegen in die industrielle Vergangenheit ab. Angeregt durch das Exponat eines Morgenmantels hat er Skizzen vom Gelände der aufgegebenen Tübinger Frottagenfabrik Egeria verarbeitet. Ein Raster kleiner Radierungen versammelt Stimmungen der Leere in der inzwischen abgerissenen Fabrik. Dem stellt Ehmann ein Kindheitsporträt von sich mit seinem Vater zur Seite, der bei Egeria Webmeister war: eine so anrührende wie melancholische Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit.

Vibrierende Lebendigkeit sind hingegen die Tuschzeichnungen Frido Hohbergers, die er bei Proben zur Mozart-Oper »Don Giovanni« in Salzburg anfertigte. Ihre zackigen Konturen schlagen die Brücke zum Werk Lotte Reinigers.

Dann geht es tief in die Stadtgeschichte. Susanne Höfler hat sich den »Schmerzensmann« vorgenommen, der auf verschlungenen Wegen aus der Jakobuskirche ins Museum kam. Aufgeteilt auf acht Rötelzeichnungen wird die Statue zum modernen Puzzle.

Hommage an Leonhard Fuchs

Gleich zwei Künstler beziehen sich auf den Tübinger Pflanzenforscher Leonhard Fuchs (1501–1566). Renate Gaisser vollzieht mit Bleistift und Aquarell die Akribie von Fuchs’ Pflanzendarstellungen nach, belässt ihre Blätter aber bewusst fragmentarisch. Jürgen Klugmann übersetzt den Duktus von Fuchs’ Zeichnungen mit Holzschnitten ins flächig Abstrahierende, zart und schwebend.

Lorenzo de Nobili greift eine Darstellung des Heiligen Urban auf. Als Fotografie in Streifen geschnitten und wieder verflochten versinnbildlicht er das soziale Gewebe der Stadt. Den Heiligen Sebastian hat sich Axel von Criegern ausgesucht. In Aquarellskizzen und Kleinplastik hat er sich an den von Pfeilen Durchbohrten herangetastet. Und schließlich eine dynamisch aufstrebende Skulptur aus einem Eichenbalken geschnitten, die den Schmerz des Märtyrers wie die Anteilnahme seiner Gönnerin verdichtet.

Mit dem Ziffernblatt der Rathausuhr hat sich Gerhard W. Feuchter befasst – und mit einer »Schandgeige«, in der Delinquenten vorgeführt wurden. Beides hat er in Papiergüsse übersetzt, die mit ihrer Stofflichkeit faszinieren. Bei Ralf Bertscheit wiederum spiegelt sich das gleichmäßige Schriftbild einer »Teuerungstafel« von 1530 in dem Schachbrettraster seiner abstrakten Malerei.

Familie früher und heute

Beatrix Giebel stellt dem patriarchalischen Familienporträt der Hedwig Dorothea Mauchart von 1761 in einer Radierserie ihre eigene Vision des Zusammenlebens gegenüber: turbulente Lebendigkeit einer Tübinger Groß-WG als Kontrast zur Hierarchie früherer Tage.

Alva Smitmans hat es die Deckenkonstruktion angetan mit ihren schweren Holzbalken. Geschickt nutzt sie das Material von Faserplatten aus, um die wuchtige Holz-Charakteristik stimmig einzufangen – und setzt als Gegensatz in klinischem Weiß Beamer und technische Metallverstrebungen dagegen ab.

Ein faszinierendes Wechselspiel zwischen zeitgenössischer Kunst und Relikten der Vergangenheit ist da zu erleben. Zusammengefasst in einem ansprechenden Katalogheft, zu dem alle Künstler eigene Texte beigetragen haben. (GEA)

Ausstellungsinfo


Die Ausstellung »Echo. 13 Tübinger Künstler« in der Reihe »Kunst im Dialog mit dem Stadtmuseum« ist bis 3. April im Stadtmuseum Kornhaus in Tübingen, Kornhausstraße 10, zu sehen. Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr. Zur Ausstellung ist ein 30-seitiges Katalogheft mit Beiträgen der Künstler erschienen. (GEA)

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