Musik - Jan Henning und Anna-Maria Hefele als »The Lady And The Cat« auf abenteuerlichen Streifzügen im franz.K

Hildegard bei den Pygmäen

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Zwei solche Persönlichkeiten hat man selten zusammen auf der Bühne des franz.K gesehen wie am Donnerstagabend. Jan Henning verblüfft auf der elektrischen Bariton-Gitarre, indem er mit den Fingern beider Hände flink über das Griffbrett huscht, als wäre es eine Klaviertastatur. Anna-Maria Hefele singt zweistimmig mit sich selber, indem sie zu ihren Grundtönen glockenhell schwebende Obertonmelodien erzeugt. Außerdem spielt sie Harfe und ein merkwürdiges Instrument namens Nyckelharpa oder Schlüsselfiedel – eine in der Renaissance weit verbreitete Geige mit Tastenmechanismus und Resonanzsaiten, die einen künstlichen Hall erzeugen.

Stimmkünstlerin mit Hut trifft Gitarrenexperte mit Rockermähne: Jan Henning und Anna-Maria Hefele bei ihrer denkwürdigen Performance im franz.K.GEA-FOTO: KNAUER
Stimmkünstlerin mit Hut trifft Gitarrenexperte mit Rockermähne: Jan Henning und Anna-Maria Hefele bei ihrer denkwürdigen Performance im franz.K. FOTO: Armin Knauer
All dieses Instrumentarium beherrschen die beiden mit einer irrwitzigen Finesse. So souverän sind sie in dem, was sie da machen, dass alles ganz mühelos wirkt. Und so ist auch die ganze Atmosphäre angelegt. Eine Stehlampe wie aus Omas guter Stube taucht die Bühne in ein heimeliges Schummerlicht. Dort sitzen oder stehen völlig entspannt die Sängerin-Instrumentalistin und der Gitarrist, plaudern locker mit dem Publikum oder ziehen sich ein bisschen gegenseitig auf: »Das nächste Stück ist sicher auch wieder so ein männerfeindliches, oder?«, stichelt er. Und sie nur: »Mal sehen …« Und dann legen sie los, ganz gelöst und mit einem Lächeln im Gesicht und alles scheint ganz einfach und ist doch so dermaßen vertrackt, wie es nur sein kann.

Durch Welten und Stile

Dabei sind die beiden an sich schon ein kurioses Pärchen. Sie, noch ziemlich jung, macht mit ihrem kahlrasierten Schädel unterm neckischen Hütchen den Eindruck, als sei sie als androgyne Figur einem etwas abseitigeren Raymond-Chandler-Krimi entsprungen. Während er mit seinem weit herabhängenden Haarvorhang wirkt, als sei er direkt aus jener Goldenen Ära herübergekommen, als das Rockgitarrenspiel noch als Avantgarde-Kunst galt.

Im Vergleich zu dem Mix, den sie ihrem Publikum im franz.K servieren, gehen sie jedoch beide noch locker als Normalos durch. Denn so kreuz und quer und dabei ganz locker entspannt ist man selten durch Welten, Zeiten und Stile gekurvt. Eben ist man noch mit Brian Eno in anschmiegsamen Pop-Grooves gewiegt worden. Dann taucht man plötzlich in die mittelalterliche Klangwelt der Hildegard von Bingen ein, die durch den Obertongesang der Sängerin eine noch mystischere Aura bekommt. Den Zugabenblock bestreiten die beiden vorzugsweise mit liebevoll ausgestalteten Jazz-Standards wie »Summertime« und »Mister Sandman«. In fast klassikartiger Klarheit und Durchsichtigkeit ist das gezeichnet und federt doch auf einem luftig-leichten Swingpuls dahin.

Bach und Django Reinhardt

Zwischendurch macht man bei Johann Sebastian Bach Station, dessen Prelude aus der ersten Cello-Suite auf der Nyckelharpa ganz eigentümlich wie von innen heraus funkelt. Schon geht es mit Jan Henning weiter in jazzig verspielte und funkige Saitenwelten. Oder auf einer speziellen Akustikgitarre mit ihrem charakteristischen perkussiven Scheppern in die wilden Zuckungen des Gypsy-Swing eines Django Reinhardt.

Irgendwann ist man nach Hildegard, Johann Sebastian und Brian sogar bei den Pygmäen angekommen. In einem Gesang nach deren Stil verbindet Hefele pendelnde Grundtöne, ausgreifende Obertonmelodien, Zungenrhythmik und jodelartige Klangbrechungen. Stimmartistik pur – und musikalisch ein Genuss!

Fehlt noch was? Ach ja, am Ende spielt er Country-Riffs und sie legt bayerische Jodler darüber. Und man wundert sich schon gar nicht mehr, dass bei den beiden sogar das noch passt. (GEA)



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