Lesung - Neue Geschichten über Pu den Bären: Der Übersetzer in seinem Element, aber bedeutend ruhiger als gewohnt
Harry Rowohlt probiert’s mal mit Gemütlichkeit
REUTLINGEN. Wenn man Harry Rowohlts Stimme hört, fühlt man sich schnell in die eigenen Kindertage zurückversetzt. Diese tiefe, warme Stimme erinnert an regnerische Nachmittage, an denen stundenlang Hörspiel-Kassetten gehört wurden, mit einem Kissen unter dem Bauch, der meist großväterlichen Stimme des Erzählers lauschend.
So geht es den Kindern wohl heute noch, wenn Harry Rowohlts Erzählungen über Pu den Bären und seine Freunde aus den Lautsprecherboxen ertönen. Und so ist es auch an diesem Abend im zweiten Stock bei Osiander, und nicht nur die wohltuende Stimme ist da. Kinder sind nur wenige gekommen, um den Übersetzer, Schriftsteller und Lindenstraße-Darsteller Rowohlt zu hören, aber auch die etwas Älteren sind gespannt, was Christopher Robin, Ferkel, I-Ah, Tiger, Känga und die anderen an neuen Abenteuern im Hundertsechzig-Morgen-Wald erleben. Schon während seiner »Anschleimphase«, wie er die Begrüßung nennt, hat Rowohlt alle für sich begeistert. Die dauert - entgegen seiner gewohnt aus- und abschweifenden Art - nur kurz an. Zügig geht der Mann mit dem buschigen Bart über zum Thema des Abends: die Lesung aus seiner Übersetzung von »Pu der Bär - Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald«. Das englische Original schrieb der Autor David Benedictus.
In ruhiger, gemütlicher Atmosphäre liest Rowohlt von der Rückkehr Christopher Robins zu seinen Freunden, der Willkommensparty für ihn und den gemeinsamen Abenteuern der Freunde, etwa als Ferkel in einen Brunnen klettert und jede Menge Mut beweist.
Rowohlt beherrscht es perfekt, die Figuren stimmlich zu charakterisieren. Der brummelige Pu klingt noch einige Tonlagen tiefer als er selbst. Beim ängstlichen bis panischen Ferkel fühlt der Zuhörer regelrecht mit. Der kauzige I-Ah klingt näselnd und ein bisschen eingebildet, mit Verlaub: fast schon tuntig. Die hochnäsige Otterdame Lotti bekommt die süßliche Stimme einer Nervensäge und Tigers hektische Art kommt im Stakkato alla Rowohlt gut zur Geltung. Dieser schafft es mit Bravour, Pu und seine Freunde liebevoll und unterhaltsam plastisch zu machen. Ein Erlebnis fürs Herz - für kleine und für große Zuhörer. (ste)