Oper - Vincenzo Bellinis »Die Puritaner« in der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito an der Oper Stuttgart

Happy End im Puppenhaus

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

STUTTGART. Die Männer lesen in der Bibel, die Frauen schrubben die Böden. Und England befindet sich im Bürgerkrieg, nachdem Oliver Cromwell den mit den Katholiken paktierenden König Karl I. hat hinrichten lassen. Auf der Purtitaner-Feste Plymouth sollte die Tochter des puritanischen Generalgouverneurs eigentlich den für sie ausgesuchten Bräutigam heiraten. Immerhin der Mann, den sie liebt.

Doch der Bruderkrieg im Land fordert auch von ihr Tribut. Denn Arturo, ihr Verlobter, hat sich davongestohlen, noch dazu mit einer anderen Frau. Dass er damit lediglich die Witwe des enthaupteten Stuart-Königs in Sicherheit zu bringen trachtet, ahnt Elvira nicht. Zutiefst enttäuscht über den vermeintlichen Treuebruch verfällt sie dem Wahnsinn.

In der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito hat Vincenzo Bellinis Oper »I Puritani« (Die Puritaner) an der Oper Stuttgart jetzt glanzvoll Premiere gefeiert, mit Giuliano Carella, einem Belcanto-Experten, am Pult und fast ausschließlich Mitgliedern des Stuttgarter Solistenensembles in den stimmlich und darstellerisch überzeugenden Partien.

Axtschwingender Riccardo

Vom Publikum gefeiert wurden neben der mazedonischen Sopranistin Ana Durlovski als Elvira nicht zuletzt der uruguayische Tenor Edgardo Rocha (Arturo) und der polnische Bassist Adam Palka in der Rolle von Elviras liberal denkendem Onkel Giorgio. Er nimmt sich Elviras Zusammenbruch besonders zu Herzen. Anders als der von Elvira wegen Arturo sitzengelassene Riccardo (Gezim Myshketa) zieht Giorgio allerdings aus Arturos Verrat nicht den Schluss, dass ihm nun mit tödlicher Härte zu begegnen sei.

In einem der besonders eindrucksvollen Duette überredet Giorgio den axtschwingenden Riccardo zur Barmherzigkeit und ebnet damit den Weg für das Happy End. Das inszeniert das Regie-Duo in einem Puppenhaus. Bis zuletzt halten Wieler und Morabito eine gewisse Skepsis für angebracht. Nur so lässt sich erklären, dass sich die Puritaner – stark in dieser Rolle der von Johannes Knecht einstudierte Staatsopernchor – stellenweise wie Zombies auf der Bühne bewegen. Mitzudenken und mitzufühlen, ist nur wenigen gegeben.

Arturo, der bei seinem ersten Auftritt – kurz vor der dann platzenden Hochzeit – etwas gockelhaft die Bühne betritt, ist eine solche mitfühlende Seele. Er zögert keinen Augenblick, als es darum geht, Enrichetta von Frankreich, die Witwe Karls I. (Diana Haller), zu retten. Wegen Elvira macht er sich Vorwürfe, kann ihr aber erst drei Monate später sagen, dass er einzig sie liebt. Ihr scheint dieser Zeitraum »drei Jahrhunderte« zu dauern.

Die Hoffnung, die Wieler/Morabito allem Geschichtspessimismus zum Trotz mitinszenieren, verkörpert ein kleines Mädchen, das, von Elvira gesucht, unbeschwert durch die Reihen der »Zombies« springt. Hinzu kommt, dass sich Elviras Wahnsinn legt, sobald sie die Wahrheit kennt.

Keine Abziehbilder

Das alles das nicht zu Abziehbildern führt, ist den Beteiligten zu verdanken. Auch Roland Bracht als Generalgouverneur und Heinz Göhrig als Puritaner Bruno gehören zu den überragend singenden Solisten. Das Staatsorchester mag an ein, zwei Stellen ein wenig zu laut sein, bringt Bellinis Musik aber in ihren lyrischen wie dramatischen Momenten vielfarbig und wirkungsvoll zur Geltung. Annas Viebrocks Bühnenbild macht die Enge des puritanischen Englands sichtbar.

Wie sich die Königswitwe nach ihren Lieben verzehrt, stellt Diana Haller etwas übertrieben dar, indem sie sich unter Gemälden, die die königliche Familie zeigen, vergräbt. Ihr expressiv-anrührender Gesang ist allerdings umso beeindruckender. Vor allem aber beweist Ana Durlovski einmal mehr, dass sie mit ihrer Mischung aus Virtuosität, Grazie und Natürlichkeit zu den ganz großen Stimmen und Menschendarstellerinnen auf der Opernbühne zählt. (GEA)











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