Lesung - Martin Suter stellt in Tübingen »Der Koch« vor
Gruß aus der Küche
TÜBINGEN. Die »Love-Menus« des jungen Asyl-Bewerbers Marawan, die auf den aphrodisischen Rezepten der tamilischen Küche beruhen, veranlassen in Schweizer Schlafzimmern wahre Wunder. Hierfür gibt die höhere Gesellschaft gerne Geld aus. Auch in Zeiten der Finanzkrise. Martin Suter erzählt eine sinnlich-erotische Geschichte über kulinarische Exotik, die stets an politischer und gesellschaftlicher Realität orientiert ist. Ein wahres Erfolgsrezept - in nur wenigen Tagen landete »Der Koch« auf dem ersten Platz der Bestsellerlisten.
Als der sympathische Schweizer Erfolgsautor am Freitag auf Einladung der Osiander'schen Buchhandlung seinen neuen Roman im Audimax der Uni Tübingen vorstellte, interessierte die gesellschaftliche Substanz des Buchs mehr als die kulinarische. Suter, als Autor und Kolumnist ein kritischer Beobachter der Finanzwelt, lenkte das Autorengespräch mit der SWR-Moderatorin Bernadette Schoog gerne vom sinnlichen Part ab.
Menüs mit Potenzial
In einem Schweizer Nobel-Restaurant als Küchenhilfe völlig unterfordert, schließlich gefeuert, gelingt es dem tamilischen Koch Marawan, seine hübsche Kollegin Andrea von seiner Kunst zu überzeugen. Zunächst genießt Andrea die exotischen Speisen zögerlich, vernimmt dann die weit über Geschmack und Geruch reichenden Qualitäten und entdeckt das Geschäfts-Potenzial, das sich dahinter verbirgt. Als sexualtherapeutische Maßnahme schlägt die Geschäftsidee schnell an. Als Catering-Service »Love-Food« bewirten und beglücken Marawan und Andrea bald Paare aus der guten Zürcher Gesellschaft.
Doch wird bald schon offenbar, dass Marawan sich nur in den Küchen der Schweizer wohlfühlt, die Lebensformen, das Sexualverhalten und die (Luxus-) Probleme seiner Kundschaft bleiben ihm fremd. Zweckentfremdet Marawan die aphrodisischen Rezepte, die er in seiner fernen Heimat Sri Lanka lernte, nicht? Ist sein Geld auf anständige Weise verdient? Marawan plagt sein Gewissen, ist er doch auf das Geld angewiesen. Der Bürgerkrieg in Sri Lanka befindet sich in der Endphase, und Marawan muss seine verstoßene Familie ernähren.
Kulturelle Differenzen und weltpolitische Realität sind bei Suter wie die Finanzkrise permanent in die sinnliche Geschichte verwoben, ohne aufdringliche Botschaft, vielmehr als kluge Beobachtung. (mosi)