Kultur
Literatur - Vor 200 Jahren wurde Charles Dickens geboren. Der scharfsichtige Beobachter sozialer Missstände im viktorianischen England gilt heute als aktueller denn je

Gewissen seiner Zeit

VON BRITTA GÜRKE

LONDON. Die gute alte Zeit, in der Kinder noch Kinder sein durften und jeder seinen Platz in der Gesellschaft hatte?

Wenn jemand gezeigt hat, dass es so niemals war, dann ist das Charles Dickens. Mit seinen Elends-Beschreibungen des viktorianischen Londons demaskierte er bürgerliche Illusionen, und so mancher in seiner Heimat Großbritannien meint, seine Bücher seien heute aktueller denn je. Heute jährt sich der Geburtstag des Autors, der schon zu Lebzeiten ein Superstar war, zum 200. Mal.

Im Königreich wird der Erfinder von »Oliver Twist« und des »Christmas Carol« wie ein Volksheld gefeiert. Und bis heute manchmal um Rat befragt. Als im August 2011 plündernde Jugendbanden durch London marodierten, stellten gleich mehrere Kommentatoren die Frage: Was würde Dickens dazu sagen?



Er würde eine Menge Fragen und Probleme wiedererkennen, sagte Alex Werner vom Museum of London, einem der Veranstalter von Dickens-Sonderausstellungen 2012, dem Sender BBC. Dickens schrieb über finanzielle Probleme, Immigration, schlechte Bildung und miese Wohnbedingungen - diese Dinge klingen für Londoner von heute nur zu bekannt.

Episodenweise Entstehung


Dickens schrieb seine Romane in Episoden für Magazine, meist zog sich die Veröffentlichung der Geschichten über Monate und Jahre hin. Oft hatte Dickens seine Romane zu Beginn der Veröffentlichung gar nicht fertig, sondern entwickelte die Erzählung über die Zeit. Das Ergebnis: der besondere Dickens-Stil voller Spannungsbögen und parallel laufender Handlungen.

Dickens ist bis heute einer der meistgelesenen Autoren in englischer Sprache weltweit. Und der Begriff »dickensian« wird zur Beschreibung von extremer Armut herangezogen. Seine Werke wurden hundertfach verfilmt. Sein Realismus, sein Humor, seine einzigartigen Charaktere - das sind nur einige der Elemente, für die er gefeiert wird. Auch sein Einsatz gegen Armut und für bessere Lebensbedingungen wird gewürdigt.

Im wahren Leben war Dickens keinesfalls immer der nette Märchenonkel und Menschenfreund. Er soll ein Kontrollfreak gewesen sein, und Zeitgenossen berichteten, dass er richtig fies werden konnte. Auch eitel war er angeblich. In einer Schau der British Library werden Plagiats-Vorwürfe gegen ihn dargestellt.

Autobiografische Züge


Dickens' Bücher tragen teils autobiografische Züge. So musste er als Kind mehrere Monate in einer Schuhcreme-Fabrik arbeiten, weil sein Vater wegen Schulden im Gefängnis saß. Nach seiner Schulzeit in London und Umgebung arbeitete er erst bei Rechtsanwälten, dann als Stenograf beim Zivilgericht, schließlich als Reporter. Seine ersten Erzählungen erschienen schon von 1834 an.

Zwischen Januar 1837 und April 1839 wurde »Oliver Twist« in einer Zeitschrift veröffentlicht. Dickens' Beschreibungen der Armut und Kriminalität in London schockten sein Publikum derart, dass der tatsächlich existierende Slum, in dem das Romangeschehen spielt, abgebrochen wurde. Über die Jahre wurde Dickens zum gefeierten Autor, unternahm Lesereisen bis in die USA. Bei seinem Tod am 9. Juni 1870 hatte er einen Status, der durchaus mit dem heutiger Filmstars zu vergleichen ist.

Einen Skandal löste er aus, als er sich 1858 nach mehr als zwanzig Jahren Ehe von seiner Frau Catherine trennte, mit der er zehn Kinder hatte. Er hatte sich in die junge Schauspielerin Ellen Ternan verliebt. In deren Haus soll er angeblich gestorben sein. (dpa)



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