Literatur - Wie sich die Mitglieder einer regionalen Autorengruppe gegenseitig kritisieren und motivieren

Gestatten: die LiteRatten

VON RAPHAELA WEBER

TÜBINGEN. Gegenseitige harte und schonungslose Textkritik bei regelmäßigen Treffen und Textaustausch per E-Mail, dabei immer ehrlich und konstruktiv und mit wechselseitigem Vertrauen: Dieser selbst auferlegte Verzicht auf Streicheleinheiten im Namen der Freundschaft wirkt sich positiv aus, wie einer der jüngsten Erfolge der LiteRatten zeigt.

Schreibgruppe LiteRatten. FOTO: WEBER
Schreibgruppe LiteRatten. FOTO: WEBER
Nach vielfältigen Veröffentlichungen aus der Gruppe heraus haben es jetzt gleich drei Mitglieder mit ihren Kurzgeschichten in die kürzlich erschienene Anthologie des Nordhessischen Literaturpreises geschafft: die Tübingerinnen Friederike Stein und Jutta Schönberg sowie die Reutlingerin Heidemarie Köhler.

Die Autorin aus Reutlingen schreibt schon lange, überwiegend realistisch-psychologische Kurzprosa und ist seit zwei Jahren bei der Gruppe. »Ich fühle mich von ihr ermutigt, motiviert und aufgefordert, doch offensiver zu werden.« Das setzte sie in die Tat um, inzwischen wurden vier ihrer Texte veröffentlicht, ihr fünfter erscheint demnächst in einem Kinderbuch mit Piratengeschichten. »Man wird bei der gemeinsamen Durchsicht der Texte auf etwas aufmerksam gemacht, was einem selber gar nicht aufgefallen wäre«, sagt Heidemarie Köhler.

So erging es auch Jutta Schönberg, deren Vorliebe der fantastischen Literatur gilt. Als sie ihren Text »Die Statue« an die anderen verschickte, regte ein Mitglied kurz und bündig an: »Mehr Sex!«. In der Geschichte lässt die Autorin in das Leben einer verklemmten Chefsekretärin einen römischen Gott treten, der ihr Korsett aufbricht. »Ich habe die Anregung im Sinne von mehr Sinnlichkeit umgesetzt.«

Jutta Schönberg ist seit Ende 2009 bei den LiteRatten. »Seitdem habe ich viel gelernt über die Literatur- und Wettbewerbsszene, übers Veröffentlichen, über Verlage. Natürlich sind auch meine Texte besser geworden, durch das Feedback, aber auch durch das Studium der Texte der anderen.«

Die Autorengruppe entstand 2006 aus dem Jahreskurs »Literarisches Schreiben« an der Volkshochschule Tübingen. Friederike Stein ist eines ihrer Gründungsmitglieder. Viele ihrer Kurzgeschichten, die bisher in Magazinen und Anthologien erschienen sind, bewegen sich im Bereich der Fantastik, aber sie legt sich ungern auf ein Genre fest. Auch Romane hat sie bereits verfasst, bislang unveröffentlicht.

Freunde als Lektoren

»Manch einer von uns hätte ohne die Unterstützung der Gruppe den Stift an den Nagel gehängt«, sagt Anke Laufer, die ebenfalls Mitbegründerin ist und neben anderen Wettbewerben 2011 den Würth-Preis gewonnen hat. »Ich verdanke den manchmal etwas kantigen, aber sehr liebenswerten LiteRatten sehr viel. Deren Lektoratsarbeit hat einen großen Anteil an meinen Preisen.«

Aus ganz unterschiedlichen beruflichen Richtungen kommen die neun aktiven Mitglieder der Autorengruppe. Ob Naturwissenschaftler, Philosoph, Ethnologin, Schauspielerin, Germanist, Lehrer, Rhetorikerin, jeder hat eine ganz persönliche und besondere Sicht auf diesen oder jenen Text. »Der eine achtet mehr auf den Gesamteindruck, der andere findet den kleinsten Kommafehler.« Wie ist die Sprache? Wie sind die Figuren gezeichnet? Stimmt die innere Logik, die Struktur, der Aufbau der Geschichte? Wirken Spannung und Plot?

Bei ihrer Beurteilung steht für die »Rättchen«, wie sie sich gegenseitig auch nennen, immer die literarische Qualität im Mittelpunkt. Die LiteRatten schreiben Prosa, Lyrik und bewegen sich darüber hinaus in verschiedenen Genres wie Krimi, Science-Fiction, Fantasy, Fantastik bis zum Kunstmärchen. Ausgenommen ist jedoch autobiografisches Schreiben. »Beim Autobiografischen geht es häufig zu sehr um den therapeutischen Effekt eines Textes, das interessiert uns weniger«, sagt Anke Laufer. »Wir fühlen uns eher in der Fiktion zuhause.«

Bei jedem Treffen reichen die Autoren ihre neuesten Veröffentlichungen herum. So dieses Mal auch der Lehrer im Ruhestand Klaus-Dieter Reichert, der es mit seiner Story »Blind Date« in die Anthologie der »Union sozialer Einrichtungen« geschafft hat. Es geht darin um eine Begegnung zwischen zwei Unbekannten in einem vollkommen dunklen Raum. Als das Buch »Verschüttete Gefühle« im Oktober in Berlin vorgestellt wurde, präsentierte der Schauspieler Sven Riemann die Geschichte. Man wird noch mehr von den LiteRatten hören können: Inzwischen plant die Gruppe Lesungen, eine gemeinsame Veröffentlichung ist ein weiteres Vorhaben. (GEA)



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