Faschingskonzert - Die Württembergische Philharmonie und Kabarettist Lars Reichow in der Stadthalle

Geigenbiene und Cello-Sheriff in Reutlingen

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Eins muss man den Musikern der Württembergischen Philharmonie lassen: Sie haben es geschafft, in Sachen Fasching selbst einen Lars Reichow zu beeindrucken. Und der hat ja als Rheinpfälzer aus Mainz die Fasnacht mit der Muttermilch aufgesogen.

Die Württembergische Philharmonie im Verkleidungswahnsinn: Bienen, Bären, Männer im Dirndl ? alles da.
Die Württembergische Philharmonie im Verkleidungswahnsinn: Bienen, Bären, Männer im Dirndl – alles da. FOTO: Armin Knauer
Wohin Reichow auch blickt im Orchester beim Faschingskonzert am Donnerstagabend in der Stadthalle: nichts als Narretei. Hier ein Oboenritter, dort ein Cello-Sheriff und sein Deputy. Durch die Bratschenreihen flattert ein Schmetterling, bei den Geigen treibt Pumuckl seine Späße neben Biene Maja. Oboistin Yuko Schmidt hat sich in ein Manga-Mädchen mit lila Haaren verwandelt. Und was verkörpert eigentlich Konzertmeister Fabian Wettstein in seinem Ganzkörperkostüm samt Schwänzchen, das beim Einstimmen des Orchesters so lustig wackelt?

»Bravo, Respekt!«, lobt Reichow. »In Reutlingen wird nicht gefackelt, da spielt man im Kostüm von der ersten Sekunde.« Anders als bei den Orchesterkollegen in Mainz. Die hätten, so Reichow, Kostümierung anfangs total verweigert, später auf den zweiten Konzertteil beschränkt.

Überhaupt ist Reichow hin und weg von der tollen Stadthalle. Nur irritiert, dass man einem solchen Bauwerk einen so schnöden Titel verpasst hat: »'Stadthalle' - wer ist eigentlich auf einen solch originellen Namen gekommen?«

Wobei Reichow selbst unkostümiert kommt. Dafür hat er manch hübschen Fakten-Mummenschanz dabei. »Ausverkauft, zehntausend in der Stadthalle!«, posaunt er zur Begrüßung hinaus - und beruft sich dabei auf Zahlen des »Trump-Instituts zur Wahrheitsfindung«. Erste Lachanfälle im Publikum.

Verbale Prügel für Trump

Trump wird von Reichow noch ordentlich verbale Prügel beziehen. Auch der Niedergang des Mannes vom Jäger zum (Briefmarken-)Sammler wird von ihm so lakonisch wie witzig nachvollzogen. Aber gemach, die Frauen mit ihrer Dekorationswut zu Weihnachten bekommen auch ihr Fett weg. Und Reichows Rede als fiktiver Parteivorsitzender, der seinen Genossen am Wahlabend das Ergebnis von Null Prozent erklären soll, ist ein Brüller in breitestem Mainzer Dialekt.

In so viel Narretei will dann auch die Tontechnik mit einstimmen und treibt allerlei Schabernack. Mal pfeift das Kopfmikro des Kabarettisten, mal tut es wieder. Die Monitorboxen, die dem Orchester die Redebeiträge zuspielen sollen, geben bis zuletzt nur verschwommene Geräusche von sich, wie Musiker hinterher beklagen. Da nützt selbst ein pantomimischer Wink mit dem Zaunpfahl von Geiger Matthias Buck in Richtung Technik nichts. Wenn die Musiker an den witzigen Textstellen nicht in Lachen ausbrechen, liegt's daher nur an der Technik.

Musikalisch ist unter der Leitung von Ulrich Kern ohnehin alles im närrischen Bereich. Der gebürtige Stuttgarter, neben Reichow einer der wenigen Unkostümierten auf der Bühne, lotst das Orchester stilsicher durch einen Mix aus klassischen Gute-Laune-Hits und fröhlichen Raritäten. Wozu Reichow interessante Fakten zu den Komponisten anreicht - diesmal nicht aus dem Trump-Institut.

Ob Johann Strauss' Ouvertüren zu »Carneval in Rom« oder »Eine Nacht in Venedig«, ob Carl Michael Ziehrers Polka »Leben heißt genießen« oder Smetanas »Tanz der Komödianten«: Die hochkostümierte Philharmonie weiß das mit luftiger Leichtigkeit zu servieren. Immer mit der Bereitschaft zu närrischer Raserei, wenn der Schlussakkord naht, etwa beim Cancan-Finale von Jacques Offenbachs Ouvertüre »Pariser Leben«.

In Bernd Alois Zimmermanns Volkstanz-Potpourri »Söbensprung« dürfen sich Bläser und Schlagwerk mal ganz streicherlos in skurrilen Schunkeleien ergehen. In André de Basques »Japanischem Karneval« frönt die Philharmonie pentatonischem Frohsinn samt asiatisch filigraner Xylofon- und Glockenspiel-Girlanden. In Michael Jarys Musik aus »Das Karussell der Liebe« von 1943 stellt man fest, welch jazzige Funken die Ufa-Unterhaltungsmaschinerie schlug. Und im abschließenden »Galopp« aus der »Maskeraden-Suite« von Chatschaturian gibt sich die Musik selbst schrill kostümiert voll greller Klangfarbenkleckse.

Bei all den bunten Farben und schäumenden Rhythmen achtet Dirigent Kern darauf, mit extrem zurückgenommen Piano-Stellen auch Ruhepunkte zu setzen. Zäsuren dehnt er gerne mal als musikalischen Scherz oder lässt eine Klarinettenüberleitung sehr frei gestalten. Das bringt Witz und Lebendigkeit in die Sache. Insgesamt ein angemessen spaßiger Auftritt vor vergnügtem Publikum. (GEA)

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