Lesung - Nicola Vollkommer stellt in der Stadtbibliothek ihren ersten Roman »Wie Möwen im Wind« vor

Gefährliche Klippen

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Nun lebt sie schon über dreißig Jahre in Reutlingen, aber die Engländerin in sich kann und will Nicola Vollkommer nicht unterdrücken. Und so steht ein Teekännchen mit leuchtend blauroter Unions-Flagge auf dem Lesetischchen, als sie am Donnerstagabend in der Stadtbibliothek ihren ersten Roman »Wie Möwen im Wind« vorstellt.

Gut gefüllt ist das Große Studio. Man kennt die gebürtige Britin in Reutlingen: von ihrem Engagement in der Christlichen Gemeinde, vom Kinderprogramm der Stadtbibliothek, als Lehrerin an der Freien Evangelischen Schule. Kinderbücher, Religiöses und Biografisches hat sie geschrieben, nun also ihr erster Roman. Schon wenn sie erzählt, wie sie geschwankt habe, ob sie auf Deutsch oder Englisch schreiben soll, reißt sie die Hörer mit Humor und Temperament mit.

Die in Cambridge ausgebildete Germanistin hat sich für Deutsch entschieden. Eigentlich, verrät sie, habe sie einen Thriller zu einem Terroranschlag in London im Sinn gehabt – ihr Verlag SCM Hänssler habe aber abgeraten.

Stattdessen Cornwall im 19. Jahrhundert mit seinen schaurigen Klippen. Charlotte, ein keckes, schlaues Mädchen wächst ungeliebt und gedemütigt auf einem reichen Adelsanwesen auf. Ihr kühl berechnender Vater Lord Winston hat ihre Zukunft zum eigenen Vorteil verplant. Aber auf dem Glanz der Familie lastet ein düsteres Geheimnis – und dem kommt Charlotte gefährlich nahe …

Dass der Schauplatz Rosamunde Pilcher ins Gedächtnis ruft, ist der Autorin bewusst. Selbstironisch scherzt sie: »Im Gegensatz zu Pilcher fiebert man bei mir bis zuletzt, wer wen kriegt!«

Tatsächlich schwingt die Pilcher-Romantik mit in ihrem Buch, aus dem sie mitreißend vorliest, emotional und oft mit einem Augenzwinkern. Auch ihre Jane Austen hat sie als studierte Literaturfachfrau selbstverständlich gelesen. Aber sie kopiert das alles nicht einfach, sondern bewegt sich sehr natürlich, spannend und ausdrucksstark in diesem stilistisch-motivischen Bezugsrahmen.

Sehr dicht, sehr plastisch sind etwa ihre Naturschilderungen, genau und differenziert ihre Zeichnung der Personen. Das Thema des Machtmissbrauchs interessiere sie, sagt sie. Und wie scheinbar schwache, unterschätzte Figuren zu den eigentlichen Helden würden. Ein bisschen Aschenputtel steckt daher in ihrer Charlotte, aber auch die Schlüsselfigur eines historischen Thrillers. Denn vor allem liebt Vollkommer das große Drama. Grandios, wie sie zu Beginn ein Schiff im Sturm untergehen lässt; fesselnd, wie sie nach und nach ein Geflecht verbrecherischer Verstrickungen freilegt.

Gleichzeitig ist sie Engländerin genug, um immer wieder Humor aufblitzen zu lassen. Etwa wenn sie sich in der Beschreibung eines nimmer enden wollenden französischen Menüs verliert: »Das zu schreiben, war herrlich!« (GEA)



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