Fotografie - Peter Lindbergh hat die Bildsprache der Modemagazine revolutioniert. Das zeigt eine Ausstellung in München

Ganz nah dran

VON EVA-MARIA MAYRING

MÜNCHEN. »Ein Modefotograf sollte dazu beitragen, Bilder von Frauen und Männern in ihrer jeweiligen Zeit zu verorten und ihre soziale und menschliche Realität widerzuspiegeln. Ist die Absicht der Werbung, alle Zeichen des Lebens und der Erfahrung zu retuschieren, alle individuelle Wahrheit aus dem Gesicht zu löschen, nicht surreal?« Diese grundsätzliche Frage beschäftigt Peter Lindbergh - und er findet eindeutige Antworten. Statt maskenhafte Gesichter schöner Frauen in ihrer Haute Couture abzulichten, geht der Fotograf in die Tiefe. Es gelingt ihm, die Persönlichkeit und das Menschliche sichtbar zu machen. Die Kunsthalle München zeigt bis zum 27. August in der Ausstellung »Peter Lindbergh - From Fashion To Reality« 220 Werke des Fotografen. Schwarz-Weiß-Fotografien im XXL-Format von Stars und Models wie Cindy Crawford, Nadja Auermann, Naomi Campbell oder Kate Moss blicken ungeschminkt und mit offenem Blick durch die Kamera direkt den Betrachter an. Man ist erstaunt, denn von den Modemagazinen und Modelabels kennt man die Stars ganz anders. Es entsteht eine neue Realität. Statt der gestellten Pose des »menschlichen Kleiderständers«, von der Mode diktiert, schafft es der einflussreichste Modefotograf der letzten 40 Jahre, den Blick auf das Wesentliche zu lenken. Die Persönlichkeit wird sichtbar, das Menschliche, Gefühle und auch Zerbrechlichkeit. »Wenn man Courage hat, man selbst zu sein, dann ist man schön«, konstatiert Lindbergh in aller Kürze.

Anfangs Schaufensterdekorateur

Aufgewachsen in Duisburg, arbeitet er zunächst als Schaufensterdekorateur, bis er in den frühen 60er-Jahren an die Kunstakademie nach Berlin geht. »Statt die obligatorischen Porträts und Landschaften zu malen, wie sie an der Kunstschule unterrichtet wurden, suchte ich vielmehr die Anlehnung an mein Idol van Gogh.« Inspiriert von diesem Künstler zog er nach Arles, dann ging es nach Spanien und Nordafrika. Sein eigenes Studio eröffnete er 1973 in Düsseldorf.Seine Motive waren die Topmodels, die er als selbstbewusste, ausdrucksstarke Frauenfiguren zeigen wollte. Auch Couturiers wie Yves Saint Laurent, Giorgio Armani oder Karl Lagerfeld verhalf Lindbergh zu einem Image jenseits bestehender Konventionen. Seine Leidenschaft für den Tanz verband ihn unter anderem mit der Ballettikone Pina Bausch. In Zusammenarbeit mit dem Bolschoi Ballett, dem Berliner Staatsballett und dem New York City Ballet entstanden ausdrucksstarke Fotografien, wobei ihn ganz besonders die Haltung und Körperspannung der Tänzer faszinierte. Thierry-Maxime Loriot, Kurator der Ausstellung, achtete bei der Konzeption vor allem darauf, die künstlerische Bandbreite von Lindbergh zu erfassen. So integrierte er in einem eigenen Raum zum Beispiel Objekte aus seinem riesigen Fundus wie Storybooks, Kameras, Polaroids, Requisiten oder Infos zu Making-of- und Behind-the-Scenes. Im schummrigen Rotlicht einer Dunkelkammer wird demonstriert, wie mittels Entwicklungs- und Fixierbad gearbeitet wurde, bis die Fotos der Supermodels an der Wäscheleine trocknen konnten.

Vorliebe für Science-Fiction

Dass Lindbergh auch eine ganz besondere Faszination für Science-Fiction-Filme hat, zeigen die Modefotografien, in denen die Models in ganz ungewohnten Locations erscheinen. In der Momenthaftigkeit soll der Betrachter angeregt werden, sich seine eigene Story vorstellen, die hinter dem Dargestellten liegt. Models wie Helena Christensen und Schauspielerin Debbie Lee Carrington werden zu Vorläufern der späteren narrativen Bilderfolgen, die die Modemagazine dann übernehmen.In der Serie »Silver Screen« werden Filmavantgarden der 1920er- bis 1950er-Jahre fotografisch mit aufgenommen. Das Kabarett aus Josef von Sternbergs »Der Blaue Engel« oder Filmsets von Alfred Hitchcocks »Die Vögel« setzt er in spannungsvolles Verhältnis zu seinen Modellen.Ohne auf den sozialen Status zu achten und ohne Hierarchien einzuhalten, präsentiert Lindbergh anti-glamourös die Ikonen. Vierzig Jahre zeitlose Bilder - man kennt sie und kennt sie doch nicht so. Kate Winslet, Charlotte Rampling, Madonna, Keith Richards, Richard Gere oder Mick Jagger. Einen Moment ist man ihnen so nahe wie noch nie. (GEA)

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