Konzert - Jazz aus der Wohlfühlzone des Tons: Das Jesse Davis Quartet macht Station im Pappelgarten

Ganz entspannte Trommelfell-Massage

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Als Eberhard Rapp das letzte Mal Jesse Davis traf, war das bei einem Jazzfestival auf einem schottischen Eiland, das im Wesentlichen von sieben Whisky-Destillerien bewohnt wird. Das Festival wurde natürlich von den Destillerien veranstaltet, in kaum wohnzimmergroßen Räumen, mit internationalen Größen, die sich darob gelegentlich nach einer versteckten Kamera umschauten, aber da war keine. Nach dem Auftritt in einem solchen Wohnzimmer standen Rapp und Davis noch lange beieinander und redeten über den Tod, das Leben und natürlich die Musik.

Jesse Davis im Pappelgarten. FOTO: KNAUER
Jesse Davis im Pappelgarten. FOTO: KNAUER
Am Mittwochabend nun war Jesse Davis im Pappelgarten zu Gast. Mit seinem Quartett war er zuvor in Paris, Warschau und Frankfurt aufgetreten, nun ist er in diesem Raum, der seinerseits wie ein Wohnzimmer wirkt, auch wenn die Familie im voll besetzten Saal sehr groß ist. Eberhard Rapp ist extra aus Stuttgart angereist, und Davis, der äußerlich stark an Charlie Parker erinnert und ihn auch schon in einem Film gespielt hat, sagt: »Wir wissen es zu schätzen, dass ihr uns eure Zeit schenkt und unsere Musik genießt; lasst uns einander in Liebe zugetan sein und eine gute Zeit verbringen.« Er spricht es in schönstem Südstaaten-Amerikanisch, und sein Lachen umarmt in diesem Moment die ganze Welt.

Es nimmt nicht Wunder, dass dieser lange Abend alles wird, bloß keine Lehrstunde in kühler Jazz-Dogmatik. Davis kommt aus New Orleans, dort hat man den Jazz erfunden und dort war er immer tief aus der Seele aufgestiegen. Das erste Stück klingt denn auch wie eine Hommage an diese Wurzeln, ist vollgesogen mit Bluesgefühl, nicht jenem leidenden, schmerzlichen, sondern jenem innig-spirituellen, das auf einer Welle der inneren Verbundenheit mit der Welt dahinwogt.

Die aktuelle CD des Quartetts heißt »Soul Searching«, das ist Programm. Vom Blues aus arbeitet sich Davis in die herberen, aufgeheizteren Sphären des Modern Jazz vor. Selbst diese Abfolge von Eigenmaterial und Standards folgt bei Davis nicht kühlem Kalkül, sondern spontaner Eingebung. »Er fängt einfach an, etwas zu spielen, und wir anderen hoffen, dass wir es kennen«, wird hinterher Bassist Martin Zenker lachend erklären. Und mit einem Grinsen hinzufügen: »Heute hat er gleich drei Stücke gespielt, die auf der Tour noch nie vorkamen.«

Raue Tonschale, weicher Kern

Aber selbst in den flammenden Sphären seiner Hardbop-nahen Version des Modern Jazz bleibt unter der rauen Tonschale als Kern das Lebensgefühl entspannten Wohlbefindens. Angestrengt wirkt das nie, dazu sind die vier einfach viel zu souverän. Der Schotte Paul Kirby zelebriert seine herben Cluster und pfeilschnellen Lineaturen mit der zurückgelehnten Lockerheit eines Bluesers. Der Bayer Martin Zenker lässt sich am Kontrabass in gelöst perlenden Akkordspielsphären treiben, bei denen gar nicht auffällt, wie technisch vertrackt sie sind. Und der Südkoreaner Minchan Kim bettet das auf ein ausgefuchstes Tänzeln auf Toms, Snare und Becken, das so federleicht groovt, dass man vergisst, welche wahnwitzige Präzision dahinter steckt.

Jesse Davis selbst ist am Altsax ein wahres Kraftwerk, der die Tonkaskaden bis zur Weißglut erhitzt – und doch immer den melodischen Kern und eine einnehmende innere Wärme bewahrt. »Draußen ist es verdammt kalt«, sagt er, »aber hier drinnen wärmen wir eure Herzen.«

So geht es in eigenen Kompositionen und Interpretationen von Standards durch einen Kosmos, der das Erbe und die reiche Tradition des Genres im Modern Jazz widerspiegelt. Bluesanklänge, Bossa Nova, heiß lodernder Bebop und seelenvolle Balladen – alles ist drin an diesem Abend. Den Soul, die Seele des Jazz, haben die vier hier nicht nur gesucht, sondern auch gefunden. (GEA)

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