Religionsgeschichte - In einem Buch stieß der Reutlinger Prof. Ulrich Bubenheimer auf Notizen Martin Luthers

Frühe reformatorische Gedanken

VON MONIQUE CANTRÉ

REUTLINGEN. Letzte Woche ging als historische Sensation die Nachricht durch die Presse, dass in einem Buch aus dem Bestand der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel handschriftliche Notizen – Randglossen – des jungen Martin Luther (1484–1546) gefunden wurden. Der Entdecker war Prof. Dr. Ulrich Bubenheimer, Reutlinger Reformationshistoriker.

Professor Dr. Ulrich Bubenheimer in seinem Reutlinger Heim mit seiner Handschriften-Sammlung. GEA-FOTO: CAN
Professor Dr. Ulrich Bubenheimer in seinem Reutlinger Heim mit seiner Handschriften-Sammlung. GEA-FOTO: CAN
Er lehrte von 1973 bis 1987 an der PH Reutlingen Theologie und Religionspädagogik und danach bis 2009 an der PH Heidelberg. Seit er im Ruhestand ist, hat er ausgiebig Zeit, sich seiner Leidenschaft für die Paläografie, die Handschriftenkunde, zu widmen und mit ihr der historischen Forschung.

»Ich habe mir selbst ein Hilfsmittel angefertigt«, erzählt er. Das sind mehrere Ordner mit Handschriften-Proben des 16. und 17. Jahrhunderts in vergrößerten Kopien, alphabetisch geordnet. »Mit Schwerpunkt Reformation und Humanismus«, betont er, »und dem Ziel, möglichst viele anonyme Handschriften identifizieren zu können.« Das ist ihm auch schon mehrfach gelungen, unter anderem bei Philipp Melanchthon.

Doch seine jüngste Entdeckung könnte die eigentlich bestens erforschte Luther-Biografie ins Wanken bringen, denn sie zeigt, dass er schon als Student mit dem Kernsatz umging, der später seine reformatorische Rechtfertigungslehre bestimmen sollte: »Justus ex fide vivit« – »Der Gerechte lebt aus Glauben«. Oder wie Bubenheimer verdeutlicht: »Der Mensch wird aufgrund seines Glaubens gerecht.« Und nicht durch gute Taten.

Lateinisches Gedicht

»Justus ex fide vivit« aus Römer 1,17 hat Martin Luther neben das lateinische Gedicht auf die Heilige Margareta des italienischen Karmelitermönchs Baptista Mantuanus geschrieben, neben die Zeile »sic innocuas infufa per aures Sancta fides animum« – »So nährt der durch die Ohren eingegossene heilige Glaube die Seele.« Das muss zwischen 1505 und 1511 gewesen sein, sagt Ulrich Bubenheimer, innerhalb Luthers Erfurter Studienphasen. »Nach bisheriger Meinung war er damals noch nicht soweit.«

In einer Tischrede habe Luther später berichtet, dass Baptista Mantuanus der erste zeitgenössische Dichter gewesen sei, den er gelesen habe. Und das Gedicht auf die Heilige Margareta wurde 1505 in Erfurt gedruckt. Später wurde es mit anderen Drucken zusammen zu einem Sammelband gebunden, der heute unter der Signatur 72.5 Quod. in Wolfenbüttel steht. Das legendäre »Turmerlebnis« oder auch die Erkenntnis auf der »Cloaca«, die zur Reformation führte, setzt die Forschung auf 1515 an.

Neben Mantuanus’ Gedicht, neben das Luther ansonsten vor allem lateinische Worterklärungen oder Übersetzungen schrieb, glossierte er an wenigen Stellen auch die ebenfalls in dem Band eingebundene Kaiserchronik des Straßburger Humanisten Jakob Wimpfeling. So ergänzte er Lebensdaten der Heiligen Elisabeth, die ja in Thüringen sehr verehrt wurde und belegte, dass er noch mit der Heiligenverehrung seiner Zeit verbunden war.

Historischer Kriminalist

Der Grund, dass Bubenheimer den fraglichen Sammelband überhaupt durchblätterte – wie übrigens schon einmal von 25 Jahren, damals aber nicht bis zum Ende – war die Handschrift von Johannes Lang (1487–1548), dem Besitzer des Buches. Der habe in Erfurt studiert und sei ein Jahr nach Luther ebenfalls dort Augustinermönch geworden. Außerdem habe sich Lang als Griechischlehrer betätigt. Bubenheimers These ist: »Bei ihm hat Luther griechisch gelernt.« Wie hätte er sonst später so schnell das Neue Testament übersetzen können.

Professor Bubenheimer, der über seine jüngste Entdeckung einen Vortrag und eine Veröffentlichung plant, hat für seine »historische Kriminalistik« eine spezielle Strategie entwickelt, verrät er auf die Frage, warum er immer wieder auf unentdeckte Handschriften berühmter Humanisten stoße. Er spricht dabei von Rasterfahndung und Verflechtungsanalyse. Voraussetzung ist natürlich sein profundes geschichtliches Wissen: Wer mit wem zu tun hatte, wo die besonderen Interessen der Geistergrößen lagen, wo sie lebten, wohin sie reisten.

Dann gelte es Bibliotheksgeschichten zu studieren, Auktions- und Antiquariatskataloge zu durchforsten und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Sein Handschriftenkompendium nützt wenig, wenn es nur auf Papier daliegt. Bubenheimer hat die Schriften der Berühmten auch im Kopf. Martin Luthers Schrift, die »sogenannte Humanistenkursive« würde er jedenfalls immer erkennen. (GEA)

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