Revue - Das Friedrichsbau-Varieté wirft mit »Circus Circus« einen eigenwilligen Blick aufs Manegen-Milieu

Freaks zum Verlieben

VON ARMIN KNAUER

STUTTGART. Varieté und Zirkus sind wie zwei Seiten derselben Medaille. Von daher ist es eine spannende Frage, was passiert, wenn man das eine auf das andere loslässt. Am Friedrichsbau-Varieté hat man mit der neuen Show »Circus Circus« genau das getan. Das Ergebnis ist ein Eintauchen in eine Welt wunderlicher Gestalten und halsbrecherischer Akrobatik, in der alles irgendwie anders ist.

Denn wenn Regisseur Ralph Sun eines nicht gemacht hat, dann ist es, einen Zirkus direkt auf die Bühne zu übertragen. Stattdessen beleuchtet die Show das Zirkusmilieu schlaglichtartig mit Artistik, Pantomime, Moderationen. Dabei hat Ralph Sun die zirkustypische Eigenheit im Blick, die Grenzen von Fantasie und Realität verschwimmen zu lassen.

Nummer für Nummer findet man sich in einem Schwebezustand, in dem alles möglich scheint. Bälle entwickeln ein Eigenleben, ein Plüschkater redet, eine Straßenlaterne hebt ab, Hüte werden zum Flugobjekt, ein Muskelmann schlüpft in die Rolle der Trapez-Ballerina, Sektflaschen werden zum Balanceobjekt.

Der Pierrot und die Seiltänzerin

Aufgespannt sind diese artistisch-komödiantischen Betrachtungen über das Zirzensische als Milieu des Irrealen zwischen den Perspektiven des Clowns und der Seiltänzerin. Beide hat Ralph Sun aus dem Zentrum des Gewohnten gerückt. Der Berliner Merlin knüpft eher an den klassischen Pierrot oder Harlekin der Commedia dell'Arte an denn an den herkömmlichen Zirkusclown. Sein Clown ist hintersinnig, listig und intellektuell. Er ist marktschreierischer Ankündiger, dann wieder trauriger Poet, der die unerreichbare Seiltänzerin anhimmelt.

Einmal tanzt er mit einer unsichtbaren Schönen, dann verwickelt er das Publikum in morbide Gedankenspiele zum Thema Tod. Tatsächlich galt der Pierrot lange als Wandler zwischen Licht und Finsternis; Merlin reizt diese Zwiespältigkeit mit großem Genuss aus. Sein weiß geschminktes Gesicht mit der Haartolle auf dem Schädel erinnert so gut an einen Totenkopf wie an ein Grinsegesicht.

Die Berlinerin Silea ist als schöne Seiltänzerin fast noch eigenwilliger gefasst. Politisch unkorrekt nuckelt sie an der Sektflasche, kündigt mit französischem Akzent Elefanten, Giraffen und einen Tyrannosaurus an, die nie erscheinen. Und nimmt mit beschwipster Stimme ironisch den zirkustypischen Voyeurismus aufs Korn: »Isch freu misch so, dass ihr all' seit gekommen, um misch anzuseh'n!« Mitten im Balanceakt auf einer Batterie Sektflaschen fällt ihr ein, dass »meine Popo« das ist, was die Leute eigentlich von ihr sehen wollen. Also hoch den Rock.

Dazwischen schickt sie bauchredend einen Stoffkater in die Hölle, nascht Rasierklingen und versucht sich als Chirurgin an den Innereien eines Plüschkaninchens. Alles abgedreht, verrückt und schwarzhumorig; wirklich »süße Prinzessin« ist sie nur auf dem Seil - das allerdings unglaublich virtuos. Nur mit einem großen Fächer als Balancierhilfe sinkt sie langsam in den Spagat - großartig!

Auch die anderen sind irgendwie aus der Realität entrückte Typen. Ruslan Sementsov tritt wie ein frankensteinartiger Berserker auf die Bühne und scheint erst im akrobatischen Spiel mit einem »Cyr-Wheel«, einem großen Metallreif, zum beseelten Wesen zu werden. Die in Finnland ansässige Australierin Lucky Hell wirkt ihrerseits wie ein wildes Geschöpf der Nacht. In ihrer Performance als Schwertschluckerin ist sie punkige Rebellin und aufreizende Stripperin.

Auch das spanisch-brasilianische Duo Tito und Du reiht sich in den Reigen abgedrehter Freaks ein. Die beiden lassen die typische Konstellation von Muskelmann und zarter Trapez-Ballerina in schrillen Slapstick entgleisen. Zwei gestandene Männer bemächtigen sich dieses Genres, werfen sich martialisch in Heldenpose und scheitern mit lautem Krakeelen - das allerdings mit atemberaubend akrobatischen Flugnummern.

Eigensinnige Westenknöpfe

Die Realität kann sich im Zirkusmilieu jedoch auch ganz poetisch ins Irreale auflösen. So etwa, wenn zu dessen gespieltem Entsetzen die Westenknöpfe von Zauberer Dan Marques lebendig werden. Eigensinnig verschwinden sie und tauchen wieder auf, wo es ihnen gerade passt. Der Moskauer Denis Klopov kämpft nicht weniger poetisch mit Bällen, die unter seinen Händen scheinbar lebendig werden. Was beginnt wie eine mühsame Zähmung, mündet in einen ballettartig ästhetischen Tanz rotierender Bälle.

Wie das Duo Circus Follies jonglierend die Schwerkraft außer Kraft setzt, verbindet seinerseits poetische und komödiantische Elemente. Die Übungen der französischen Handstand-Artistin Nanou in luftiger Höhe mitten im Publikum sind atemberaubend und ästhetisch.

Am meisten verzaubert Olga Golubevas Tanz mit einer Straßenlaterne gleich zu Beginn. Beflügelt von der Lektüre eines Liebesbriefes heben sich Artistin und Laterne zum gemeinsamen Pas de deux in die Lüfte. Die Fantasie überwindet die Schwere der Realität - das könnte über dem ganzen Programm stehen. (GEA)

»Circus Circus«: Bis 18. Februar am Friedrichsbau Varieté Stuttgart



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