Literatur - Die in Neu-Delhi lebende Autorin Arundhati Roy stellt im Audimax der Uni Tübingen ihren neuen Roman vor

Ein Universum namens Indien

VON ARMIN KNAUER

TÜBINGEN. Es war eine Indien-Lektion der eigenen Art, die man am Dienstagabend auf Einladung der Buchhandlung Osiander in der Neuen Aula erlebte. Wie passend, dass man hier im Audimax saß, in klassischer Hörsaal-Atmosphäre. Manche im gut gefüllten, steil ansteigenden Halbrund klappten sogar die Tischchen hoch - vielleicht gibt es ja was mitzuschreiben?

Selbstbewusst, überlegt und bestimmt: Arundhati Roy in Tübingen.
Selbstbewusst, überlegt und bestimmt: Arundhati Roy in Tübingen. FOTO: Armin Knauer
Oh ja, das gibt es. Denn zu Gast ist Arudhati Roy, Autorin des berühmtesten Indien-Romans »Der Gott der kleinen Dinge«. Klein ist sie, zierlich, wie sie da hereinschreitet, die Frau, die in Südindien aufwuchs und mit 16 nach Neu-Delhi im Norden Indiens ausriss. Aber schon ihr Haarschopf ist rebellisch, ihre Augen funkeln und ihre Haltung ist die einer Frau, die selbstbewusst genug ist, einem ganzen Subkontinent mit mehrtausendjähriger Tradition entgegenzutreten.

Wie diese Tradition in ihrer Erstarrung Menschlichkeit erodiert und Schicksale zermahlt, hat sie in »Der Gott der kleinen Dinge« in geradezu erbarmungsloser Klarsicht seziert. Zwanzig Jahre lang hat sie danach keinen Roman mehr geschrieben, sondern Analysen, Reportagen, Essays. Hat als Aktivistin am Kastensystem Indiens gerüttelt, Umwelt-Verbrechen an die Öffentlichkeit gezerrt und die Folgen der Globalisierung angeprangert.

Man müsste meinen, eine abgekämpfte, frustrierte Frau vor sich zu haben. Doch diese Frau da vorne strahlt im Gespräch mit Moderatorin Schamma Schahadat vom Slavistischen Seminar der Uni etwas ganz und gar Positives aus: Intelligenz, Klarsicht, Überlegtheit - und ja, durchaus auch Hoffnung.

Schonungslose Analyse

Nach zwanzig Jahren hat sie erneut einen Roman geschrieben: »Das Ministerium des äußersten Glücks« (S. Fischer Verlag). In ihm analysiert sie den Zustand ihres Landes nicht weniger schonungslos. Indien wirkt hier wie eine Welt, die durch das Festhalten an starren Ritualen in einen Zustand unmenschlicher Absurdität gestürzt ist. Womit Indien zur Chiffre wird für den Zustand des Planeten, der ja seinerzeit in einen Zustand unmenschlicher Absurdität zu stürzen scheint. Am Ende von »Der Gott der kleinen Dinge« schien jede Hoffnung zermalmt. Merkwürdigerweise keimt sie in ihrem neuen Roman wieder auf. Eine ihrer Frauenfiguren, körperlich als Zwitter geboren, findet sie ausgerechnet auf einem Friedhof. Wo sie sich am Rande niederlässt, um das Massaker von Hindus an Muslimen zu vergessen, dem sie nur knapp entkommen ist. Dort stoßen andere Ausgestoßene, andere Verlorene zu ihr. Und eine Art Familie humaner Art gewinnt Gestalt, wo in ihrem ersten Roman eine Familie an ihren inhumanen Strukturen zerbarst.

Wie sie die »Amerikanisierung« ihres Landes erlebe, will am Ende ein Besucher wissen. Sie sei da gespalten, bekennt Roy. Jahre habe sie gegen die Auswirkungen der Globalisierung gekämpft. »Aber ich bin auch keine Traditionalistin«, betont sie. »Ich liebe die Rolling Stones; ich bin in einem Dorf aufgewachsen mit dem ständigen Traum, von dort wegzukommen.«

Roy liest Passagen aus ihrem Buch, ihre Stimme ist dabei ganz klar, bestimmt und überlegt. Ihre Sprache hat bewundernswert Rhythmus, Prägnanz, Musikalität. Dennoch erfordert ihre Rezitation auf Englisch viel Konzentration, um den Faden zu behalten. Denn ihre Sprache ist auch ungeheuer farbig, metaphernreich, voller Poesie - oft lässt sie Traum und Wirklichkeit verschwimmen.

Dann sind die Texte wieder harte Bestandsaufnahme. Etwa des Kaschmir-Konflikts, zu dem Zimmertheater-Schauspielerin Nicole Schneider zwei Passagen auf Deutsch liest, in der mit enormem Sprachgefühl erstellten Übersetzung Annette Grubes. Kaschmir mit seinem Unabhängigkeitsstreben, von Indien mit massiver Militärbesatzung belegt und von immer neuen Anschlägen geschüttelt, sieht Roy als »psychotisches Land«. »In Kaschmir only fiction is truth«, sagt sie: Den Konflikt dort könne man nur mit Fiktion wahrhaftig erfassen. Denn im Roman schaffe man ein Universum für den Leser, das er durchstreifen könne.

Viel Gewalt, aber auch Liebe

Manchmal gerät sie dabei in die Diktion ihrer Reportagen. Manchmal findet sie jedoch auch gerade in der Poesie ihrer Sprache Wendungen, die das Dilemma auf den Punkt bringen: »Der Tod war alles. Sterben wurde eine neue Lebensweise (in Kaschmir)«, schreibt sie an einer Stelle.

Es gebe eine Menge Gewalt in ihrem Buch, räumt Roy ein. All diese Exzesse seien jedoch tatsächlich passiert. Und dennoch gehe es im Innersten um Liebe und Glück. In einem Land, von dem Roy sagt, es erscheine nur den Außenstehenden als fröhliches Durcheinander. »Anarchie gibt es in Indien nur im Verkehr«, sagt sie mit einem luziden Lächeln. Gesellschaftlich hingegen sei alles in das Raster des Kastendenkens gepresst. »Noch immer heiraten lediglich fünf Prozent der Hindu in Indien außerhalb ihrer Kaste.«

Ihr Buch ist jedoch nicht nur eines über Indien, sondern auch über Frauen. Frauen ohne Macht, die jedoch eine große innere Stärke entwickeln. Unübersehbar, dass in jeder von ihnen auch etwas von Arundhati Roy selbst steckt. Dieser kleinen, zierlichen, gegenüber der hochgerüsteten Atommacht Indien offensichtlich machtlosen Frau, die doch über eine so erstaunliche innere Stärke verfügt. (GEA)

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