Konzert - Modernes und Postmodernes mit der Jungen Sinfonie Reutlingen und Pianistin Nathalie Glinka

Ein Spiel mit Erwartungen

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

REUTLINGEN. Für Überraschungen war die Junge Sinfonie Reutlingen ja schon immer gut. Diesmal aber hat sie es auf die Spitze getrieben. Genauer gesagt: der aus Lichtenstein stammende Komponist Stephan Fink, der für das Jugendorchester eine »Sinfonie.« (2012/13) geschrieben hat, bei der die Musiker zunächst nur so tun, als würden sie spielen.

Alles sieht nach Routine aus: Die Streicherbögen wiegen im Takt, die Finger der Bläser huschen über die Klappen ihrer Instrumente, auch am Schlagwerk herrscht Aktivität. An die Ohrmuschel dringt freilich nichts. Einer Fata Morgana gleich, zu der auch der Dirigent gehört, setzt sich die ungewöhnliche Erscheinung fort, bleibt zunächst musikalische Nullnummer, bis Motivfetzen einzelner Instrumente und Instrumentengruppen die verordnete Tonlosigkeit durchbrechen, sich Klangcluster, Tonfülle und ein musikalisches Miteinander ergeben.

Provokation oder Experiment?

Hochkonzentriert arbeiteten sich die Orchestermusiker um Dirigent Rainer M. Schmid durch die Partitur, die immer wieder klangliche Leerstellen ließ und darüber hinaus einen Stilmix aus Avantgarde und Tonmalerei, die aus der Feder eines Richard Wagner hätten stammen können, bot.

Was das Ganze nun war: ein Spaß, eine kalkulierte Provokation, ein abgehobenes Experiment? Denkwürdig schien das Stück allenfalls für den Moment. Es war nicht der große Wurf, der beim Publikum lange nachwirkt, kein Skandal, der die Musikwelt nachhaltig erschüttert. Möglich, dass in einer unfreien Gesellschaft, in der Zensur und die Gängelung von Künstlern zum Alltag gehören, die Aufführung ein Politikum dargestellt hätte. In der Reutlinger Stadthalle war die Wirkung jedoch rasch verpufft. Der Publikumsapplaus war zwar verhalten, aber physisch echt: mit einem Geräusch, das dadurch entstand, dass Handflächen aufeinanderschlugen.

Klavierkonzert von Ravel

Es folgten zwei Werke aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, bei denen die Nachwuchsmusiker ihre Klasse nun wirklich beweisen durften. Maurice Ravels Klavierkonzert G-Dur, uraufgeführt 1932, erinnert in Stil und Anmutung ein wenig an Gershwins acht Jahre zuvor herausgebrachte »Rhapsody in Blue«. Jazzelemente blitzen auf, ergänzen ein impressionistisches Flirren, eine Leichtigkeit, ein nicht zu greifendes Spiel mit Klangfarben und Kontrasten.

Nathalie Glinka (Jahrgang 1990) füllt ihren Part am Klavier bestens aus, versteht es, blitzschnell Stimmungen zu erzeugen, dem Orchester fröhlich Haken zu schlagen und Bögen anmutig zu entwickeln. Dabei wechselt die Stipendiatin der Reutlinger Christel-Guthörle-Stiftung behände von kraftvollen Akzenten zu Melodien mit perlendem Anschlag und großer Geschmeidigkeit. Holzbläser, Harfe und tiefe Streicher haben wunderbar lebendige und farbenfrohe Momente, während das Orchester als Ganzes gut austariert zwischen Quirligkeit und sattem Klang pendelt, zwischen Kokettieren und Konzertieren. Ein Genuss.

Mit Alexander Glasunows Sinfonie F-Dur Opus 77 (»Pastorale«) nach der Pause klang der Abend aus. Rainer M. Schmid konnte sich hier auf ein gut abgestimmtes Zusammenspiel und großartige Einzelleistungen seiner jungen Musiker verlassen, auf zupackende Kraft, schwärmerische Fülle und dynamisches Feingefühl – nicht zuletzt in den rhythmisch-folkloristischen Passagen, die sich wie ein roter Faden durch das Werk ziehen. Gebührender Applaus. (GEA)



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