Schauspiel - Grötzinger Naturtheater bringt Molières »Der eingebildete Kranke« auf die Bühne. Premiere voller Erfolg
Ein farbenfrohes Krankheitsbild
VON CARINA STEFAK
GRÖTZINGEN. Ein bisschen frisch ist's schon noch, dafür, dass schon Juni ist. Die Premierengäste im Grötzinger Naturtheater haben am Samstag Decken und Kissen mitgebracht, um zu vorgerückter Stunde nicht frieren zu müssen, auf den Holzbänken im Freien. Besser ist es, wer weiß, sonst wird noch jemand krank - und davon gibt's ja schon einen in Molières Komödie »der eingebildete Kranke«.
Argan, gespielt von Nil Boushila, wähnt sich sterbenskrank und denkt den lieben langen Tag fast nur an sich und seine Wehwehchen. Immer muss ein Arzt in der Nähe sein, oder eine Krankenschwester. Besser noch ein Apotheker und vor allem seine Pillendose. Mit seiner Paranoia terrorisiert der Hypochonder die ganze Familie. Sogar Tochter Angélique will er zwingen, den steifen Arztsohn Thomas (Andreas Rilli) zu ehelichen - nur weil er Mediziner ist.
Liebe, jung und widerspenstig
Angélique (Melanie Walz) hingegen hat ganz anderes vor mit ihrem Herzen. Der schnuckelige Cléante (Silas Kuhmann) hat es ihr angetan und er ist es auch, den sie heiraten will. Eine scheinbar ausweglose Situation - wäre da nicht Haushälterin Toinette, die Angélique zur Seite steht. Resolut und forsch stellt sich Toinette (Monika Jonaszik) ihrem Hausherrn entgegen, stemmt sich beinah gegen alles: gegen Argan und seine nervige Egozentrik, gegen seine gierigen Ärzte, die sich an ihm dumm und dämlich verdienen, gegen die geldgeile Ehefrau Béline (Angela Brock), die sich vordergründig wie eine Mutter um ihn kümmert, es eigentlich aber nicht erwarten kann, bis Argan endlich unter der Erde ist. Mit einer List gelingt es Toinette schließlich, den »Leidenden« davon zu überzeugen, wer es aufrichtig gut mit ihm meint.
Lebendige Nähe
Jürgen von Bülow hat Regie geführt, bei diesem farbenfrohen Schauspielstück. Der Stuttgarter, der mehrere Jahre am dortigen Staatstheater war, ist ein echtes Multitalent: Regisseur, Drehbuchautor, Dozent für Filmdramaturgie und seit Kurzem auch noch Jugendbuchautor. Die »lebendige Nähe« sei es, die er am Theater so schätzt, sagte er kürzlich in einem Interview.
Und von dieser Nähe gibt es eine Menge zu spüren, vor der romantischen Kulisse im Naturtheater in Grötzingen. Verzweiflung, Rage, Enthusiasmus - die 19 Akteure in »Der eingebildete Kranke« legen sich wirklich ins Zeug. Leidenschaftlich spielen sie ihre Rollen, identifizieren sich völlig mit ihrer Figur - stellenweise vielleicht ein wenig zu sehr. So mancher Satz, so manches Gefühl wird dann und wann etwas zu stark betont. Das wirkt manchmal unnatürlich.
Die Lieder (Stefan Töpelmann) und die Texte strotzen nur so vor Humor und Wortwitz, Ulrike Reinhards Kostüme sind eine Augenweide. Jürgen von Bülow und seinen Machern gelingt ein fröhliches und unterhaltsames Spektakel, wie gemacht für sommerliches Freilufttheater. Krank ist trotz des frischen Lüftchens gegen 23 Uhr keiner (mehr), denn auch Argan kann sich als »frischgebackener Arzt« nun selbst helfen. Und wen's vom Lachen in der Bauchgegend zwickt, der hat höchstens Muskelkater. (GEA)
Die Liste der Cannes-Stars auf dem Festival ist lang. Einer aber versetzte die Fotografen, Journalisten und Autogrammjäger wieder in fast hysterische Aufregung: Brad Pitt.