Tübinger Sommertheater - Das Theater Lindenhof zeigt Hölderlin, Hegel und Schelling als große Denker und Partymacher

Theater Lindenhof zeigt große Denker auch als Partymacher

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

TÜBINGEN. Leiden unter der Enge, Auflehnung, ein dionysischer Rausch: Das Theater Lindenhof erzählt mit naheliegenden und unkonventionellen Mitteln von drei Geistesgrößen, wie sie die Universitätsstadt Tübingen im 18. Jahrhundert gesehen hat: Johann Christian Friedrich Hölderlin aus Lauffen am Neckar, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling aus Leonberg und Georg Wilhelm Friedrich Hegel aus Stuttgart.

Sie raven, um sich im Rausch zu verlieren: Hölderlin, Hegel, Schelling und Partygenossen in »In weiter Ferne, der Mensch«. Foto: Richard Becker
Sie raven, um sich im Rausch zu verlieren: Hölderlin, Hegel, Schelling und Partygenossen in »In weiter Ferne, der Mensch«. Foto: Richard Becker
Tübingen mit dem Evangelischen Stift war für sie etwas, an dem sie sich - Stillstand beklagend in revolutionären Zeiten - gerieben haben. Wie überhaupt am Staat Württemberg (»eng, enger, Württemberg«). Während sich in Paris die Dinge rasant veränderten. Die Französische Revolution erhitzte auch am Neckar die Gemüter. In der Kaderschmiede für die künftigen Diener der Kirche Württembergs, dem Stift, wurden freisinnige Reden geschwungen. Die »Aufsässigkeiten« wurden nach Stuttgart gemeldet.

Landesvater Carl Eugen zeigte sich fest entschlossen, die »gottgesetzte« Ordnung gegen das Freidenkertum zu verteidigen. An Christian Friedrich Daniel Schubart hatte er bereits zuvor ein Exempel statuiert und ihn in Festungshaft nehmen lassen. Zehn Jahre lang saß der Dichter, Musiker und Journalist auf dem Hohenasperg, durfte noch nicht einmal Besuch empfangen.

Leitmotiv für jeden

Der revolutionäre Geist Hegels, Hölderlins und Schellings - sie teilten sich im Stift eine Stube - schlug sich im sogenannten »Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus« nieder, in dem sie neben Gedanken zur Freiheit und zur Staatskritik auch die Idee einer neuen Mythologie vertraten. Dabei kam der Idee der Schönheit und der Poesie eine tragende Rolle zu.

Markus Bauers Stück »In weiter Ferne, der Mensch«, das von alledem handelt, hat am Mittwochabend als Tübinger Sommertheater Premiere gefeiert, inszeniert von Philipp Becker und uraufgeführt vom Ensemble des Theaters Lindenhof mit Gästen aus der Schweiz. Anna Hofmann, Silvio Kretschmer, Lucas Riedle, Annabelle Sersch und Julian-Nico Tzschentke, Schauspielstudenten an der Hochschule der Künste in Zürich, gaben dem Trio gemeinsam mit den Lindenhöflern Bernhard Hurm, Kathrin Kestler, Linda Schlepps, Franz Xaver Ott und Gerd Plankenhorn großartig Stimme und Gestalt. Ihr Auftreten muss vor allem als Ensembleleistung gewürdigt werden, folgt Beckers Regie doch einem dezidiert chorischen Prinzip, in dem die Rollenverteilung fließend ist.

Am Anfang, das Publikum hat noch nicht Platz genommen, ergreifen die Schauspieler in der Halle des ehemaligen Güterbahnhofs sich im Wechsel erhebend das Wort und gehen der Frage nach, ob es Zufall war, dass im Jahr 1790 gleich drei Genies in einem Zimmer des Stifts zusammenfanden - Hölderlin und Hegel waren bereits zwei Jahre zuvor dort eingezogen. Ob sich die Geschichte einen Witz erlaubt habe, fragen sie ketzerisch und nennen das Ergebnis dieses Zusammentreffens: »Habemus Idealismus«.

Das ganze Stück besteht daraus, gemeinsam im Spiel zu erkunden, wie es gewesen sein könnte. Mit Hegel, der das Gefühl hatte, keinem genügen zu können, »am wenigsten mir selbst«. Mit Hölderlin, der viele Anläufe brauchte, um seiner Mutter, die ihn zum gehorsamen Theologiestudium drängte, in einem Schreiben angemessen zu antworten. Mit Schelling, der früh schon den Anspruch formulierte, den Geist zu verändern bedeute die Welt zu verändern.

Susanne Hinkelbein weist in der zum Bühnenraum umfunktionierten Güterhalle nebenan, in der das Spiel seine Fortsetzung findet, auf dem Klavier jedem ein Leitmotiv zu: Hölderlin ein triolisch sich nach oben schraubendes, Hegel ein gemessen schaukelndes, mit Auf- und Abwärtsbewegungen, Schelling eines aus langen Liegetönen, die sich zu immer dickeren Akkorden türmen. Wie auf einem Stocherkahn wird Hinkelbein von einer Ecke des Raumes in eine andere gefahren.

Die Textlast des Stückes erschlägt einen bisweilen fast. Substanz hat das alles und kommt überwiegend auch sprachmächtig daher. Die intensivsten Momente freilich sind die, in denen das Ensemble singt - »Das Wasser geht mir bis an die Seele« etwa - oder Lyrik rezitiert.

Man sieht Hegel, Hölderlin und Schelling aber auch bekifft und betrunken kopfüber im Raum hängen und sich in einem zum Rausch gesteigerten Rave ihrer Kleider entledigen. Tänzerinnen des Tanzstudios Danzon (Choreografie: Katja Büchtemann) drücken mit ihnen mechanisches Leben und Rausch aus. Bei der Premiere tat das Gewitter ein Übriges, um dem Donnergrollen der Französischen Revolution Ausdruck zu geben. Trotz der Mikrofone im Raum ging dadurch allerdings auch manches Gesagte unter.

Bühnenbildnerin Anna Jacobi hat das ohnehin imposante Gebäude zum theatralen Resonanzraum erweitert. Hinter den im Stück geöffneten Schiebetüren fällt der Blick auf reale Tübinger Baustellen. Eine Welt im Wandel. Vorproduzierte Videosequenzen und Liveübertragungen (verantwortlich: Oliver Feigl) geben der Aufführung Dynamik, beziehen Tübinger Stadtimpressionen und einen Rave auf dem Himmelberg bei Melchingen mit ein. So wird aus »In weiter Ferne, der Mensch« am Ende doch ein sinnlicher Abend.

Das Stück ist bis zum 13. August 20 Mal zu sehen. (GEA)



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