Charity-Lesung - Christoph Maria Herbst als Stargast beim Tübinger Literaturfestival »Literatur erleben«

Diktator mit Schnappatmung

VON NADINE NOWARA

TÜBINGEN. Als hätte die Welt nicht schon genug unter ihm gelitten. Nach Jahrzehnten in der Versenkung taucht Adolf Hitler im Berlin der Gegenwart wieder auf und beschließt erneut, Deutschland und danach den Rest der Welt zu erobern. Von einem gewieften Medienunternehmen wird bald sein Starpotenzial erkannt. Der selbst ernannte Weltverbesserer stößt auf Wohlwollen, denn alle halten ihn für einen begnadeten Satiriker, der voll und ganz in seiner Rolle aufgeht.

Christoph Maria Herbst FOTO: NOWARA
Christoph Maria Herbst FOTO: NOWARA
Der Schauspieler Christoph Maria Herbst las am Mittwoch im Festsaal der Neuen Aula aus Timur Vermes’ Bestseller »Er ist wieder da«. Bernd Kohlhepp moderierte den Abend. Diese Charity-Lesung war der Höhepunkt des zweitägigen Festivals »Literatur erleben«, das zum ersten Mal in Tübingen stattfand. Die Studentinnen Frauke Kreis und Vanessa-Cher Zimmerer organisierten das literarische Ereignis im Rahmen des Masterstudienganges »Literatur- und Kulturtheorie«. Alle Erlöse gingen an den WDC – eine Organisation, die sich für den Wal-und Delfinschutz einsetzt.

Provokanter Humor

Herbst ist nicht nur ein begnadeter Schauspieler, auch stimmlich liefert er eine grandiose Leistung ab. Den spezifischen Tonfall samt rollendem R des »Führers« vermag er perfekt nachzuahmen. Die klassischen Wutattacken setzt er gezielt ein, sodass diese Figur nie lächerlich wirkt. Herbst fällt nicht aus der Rolle, sondern verkörpert Hitler und die anderen illustren Romancharaktere sehr überzeugend. So schlüpft er unter anderem in die Rolle der Kaugummi kauenden, berlinernden Sekretärin und einer unbarmherzig fröhlichen Buchhalterin, deren hoch-jodelndes Organ, für brüllendes Gelächter beim überwiegend studentischen Publikum sorgt.

Der altmodische Sprachduktus und die Kriegsrhetorik reiben sich mit der gegenwärtigen Situation und sorgen für den etwas eigenen, provokanten aber durchaus interessanten Humor, der sich durch den satirischen Roman zieht. Humor entsteht auch dadurch, dass der ehemalige Diktator den heutigen Alltagsschwierigkeiten ausgesetzt ist und sich mit den neuen technischen Errungenschaften auseinandersetzen muss. Von den Möglichkeiten des Internets ist er jedoch fasziniert. Die Social Media eignen sich seiner Meinung nach hervorragend, um Propaganda blitzschnell ans deutsche Volk zu bringen.

Gar nicht zufrieden ist Hitler mit seiner »Nachfolgepartei«, der NPD. So ist er regelrecht entsetzt angesichts der »schwächlichen, unfähigen rassischen Ausschussware«, auf die er beim Besuch der Parteizentrale trifft. Diese Szene ist eine der gelungensten der Lesung. Herbst bekommt als Hitler vor Wut fast Schnappatmung, während sich das »Jüngelchen« der NPD wimmernd vor ihm windet. Das ist wahres Ohrenkino. Nach seinem Vortrag kapitulierte Herbst vor den donnernden Lachsalven und gab noch eine Zugabe zum Besten. (GEA)



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