Kölsche Lieder - BAP-Sänger Wolfgang Niedecken macht das franz.K zu seinem Wohnzimmer. Und nimmt seine Fans mit auf Streifzug durch Köln, New York und Afrika
Die Träume bleiben
Von Armin Knauer
REUTLINGEN. Wolfgang Niedecken im franz.K - das ist wie BAP unterm Vergrößerungsglas. Dabei ist die BAP-Combo gar nicht dabei an diesem Freitagabend. Stattdessen flankiert Anne de Wolff den Sänger mit samtigem Geigen-Wohllaut.
Eine Stimme wie knisterndes Lagerfeuer: Wolfgang Niedecken im franz.K.
FOTO: Armin Knauer
Und auf der anderen Bühnenseite huschen die Hände des Marokkaners Rhani Krija über Dschemben und Tablas. Sein Fuß tanzt auf Schellenkränzen, die Linke tätschelt weichrunde Bässe aus dem Cajón. Zusammen schubsen Krija und de Wolff das Ganze ein interessantes Stück in Richtung Weltmusik. Und schmiegen sich ihrem »Chef« doch so geschmeidig an, dass es stets BAP bleibt.
Der Saal ist rappelvoll mit Fans der ersten Stunde. Fast alle haben sie schon in den 80ern in der BAPschen Protestkultur gebadet, alle hängen sie nun dem Kölner mit der grauen Zottelmähne an den Lippen. Doch der braucht Zeit, um aufzutauen, auch das gehört zur niedeckenschen Ehrlichkeit. Drei Lieder lang bleiben die Augen fast geschlossen und die Lippenbewegungen im kaum messbaren Bereich. Selbst so hat er noch mehr Ausstrahlung als manch einer, der sich am Bühnenrand abstrampelt.
Rock im Wiegehäuschen
Aber Niedecken lockert sich. Er singt und erzählt, erzählt und singt, was bei ihm fast dasselbe ist. Von Argentinien und Afrika und von den Kindern in Uganda, die sich nachts vor Rebellenhorden verstecken. Von den frühen Jahren und den Proben im Wiegehäuschen eines Sandsteinbruchs, aus dem man eigentlich gar nicht rauswollte. Und vom Auftritt bei einer stramm linken Gruppe, der wegen »konterrevolutionären Wetters« ausfiel. Er erzählt vom pestverseuchten Köln im Mittelalter und von Opa Hermann, den es im Bombenhagel des Kriegs nach Thüringen verschlug.
Niedecken erzählt und singt über all das mit seiner typischen Stimme. Verwaschen ist sie wie eine abgetragene Jeans und doch wärmend wie ein Lagerfeuer. Dazu summt die Geige von Anne de Wolff, seufzt ihr Akkordeon, singt ihre Mandoline. Kostbar und liebevoll macht sie das, fast zu zurückhaltend. Niedeckens Gitarre glitzert silbrig, seine Mundharmonika verströmt milde Süße und Rhani Krija würzt das alles mit sprudelndem Temperament. Er ist ein genialer Wirbelwind an seinen Geräten.
Bekanntes hört man da, »Jupp«, »Lena« oder »Paar Daach fröher«, aber auch viel selten Gespieltes. Aus allem leuchtet Niedeckens so eigene Melancholie heraus, mit ihrer Zerrissenheit zwischen Alltag und abenteuerlichen Lebensträumen, die so unerfüllbar scheinen und doch so wichtig sind.
Springsteen auf rheinisch
Auch seine teils kölschen Versionen von Bruce Springsteen, Leonard Cohen und Lou Reed sind in diese Melancholie getaucht. Bei Bob Dylan kommt eine Spur Zorn hinzu. Doch wenn er auf Streifzug durch Köln geht oder in seine Familiengeschichte eintaucht, dann ist es immer wie Heimkommen.
Schnell ist man in dem kleinen Saal ganz Teil dieser singend erzählten Welt. So wohlig wird man von Niedecken darin eingehüllt, dass man gar nicht mehr hinaus will ins kalte Grau. Und so müssen die drei wieder und wieder auf die Bühne. Es ist schon kurz vor zwölf, als sie zum x-ten Mal ansetzen, zuletzt, weil »sich der Typ nirgends finden lässt, der das Saallicht anmacht«. So wäre es ums Haar eine durchsungene Nacht geworden. Aber dann fand leider Gottes doch noch wer den Schalter. (GEA)