Musik - »Fukushima-Requiem 0311«: Eine Art Katastrophenoper in der Maschinenhalle des alten Tübinger Kraftwerks

Die Stimme der Versehrten

VON MARTIN BERNKLAU

TÜBINGEN. Das kurze Gedenken zum fünften Jahrestag täuscht. Der japanische Super-GAU scheint seltsam fern, trotz seiner hiesigen Folgen: Atomausstieg und Energiewende. Mit dem »Fukushima-Requiem 0311« ist dem Rottenburger Komponisten Adrian Oswalt ein eindrückliches künstlerisches Dokument gegen das Vergessen gelungen. Die Uraufführung am Freitagabend in der Maschinenhalle des früheren Pumpspeicher-Kraftwerks war auch anderweitig ein Erfolg: Die Tübinger Kultur hat einen neuen Raum.

Mit einem unbegleiteten Solo der japanischen Flötistin Atsuko Scharpf-Matsuura lässt der studierte Flötist Adrian Oswalt sein kammermusikalisches Katastrophen-Tableau als Idyll des japanischen Frühlings beginnen. Vogelgesang. Papierene Origami-Kraniche, eine Kakemono-Stoffbahn von Tusche-Zeichnungen, der kahle Baum mit Warn-Band und eine in doppeldeutig orangener Glut aufgehende Halbsonne sind das von Thomas Di Paolo entworfene Bühnenbild. Das beeindruckende Percussion-Arsenal rund um das giftgrüne Fass gehört fast auch dazu.

Gespenstische Nüchternheit

Gewiss hätte auch eine schlechtere Komposition im politisch korrekt alternativen Tübingen allen vollen Beifall gefunden. Aber Oswalt entwickelt mit seinen Instrumentalmusikern, der koreanischen Sopranistin Susan Choi und dem Sprecher Udo Rau auch nach dem gefällig bildhaften Intro eine Tonsprache, die weit, weit über die illustrative Untermalung eines schrecklichen Geschehens (Text: Martin Roos) hinausgeht, das der Sprecher in gespenstischer Nüchternheit mit Minutenangaben protokolliert. Vogelgesang ja – und natürlich darf das fatale Seebeben als Grollen des Barrel-Fasses Ton werden. Aber das Werk kommt ohne simple Effekte aus.

Die schwierige Form – ohne handelnde Personen nicht Oper, mangels Religion kein Oratorium und ohne fromme Liturgie eigentlich auch kein Requiem, am ehesten noch der erzählenden und betrachtenden Passion verwandt – ist trotzdem gelungen. Bloß tönendes Infotainment ist dieses »Fukushima-Requiem« sowieso nicht, im Gegenteil: Es überzeugt durch Vielfalt, Einfallsreichtum und Klangsinn.

Die musikalischen Mittel haben ästhetischen Eigenwert, nicht nur weil sie der Posaune, dem Fagott, Cello und Kontrabass, Klarinette oder Keyboard, dazu dem überragenden Percussionisten und Marimbafon-Spieler Steffen Kuhn sowie dem Geiger Simon Breuer mit seiner zweisaitigen chinesischen Erhu vielfache Gelegenheiten für fantastische Soli mit leicht avantgardistischem Einschlag bieten, sondern weil sehr gekonnt mit kunstmusikalischen Satzformen gespielt wird.

Anything goes – von der klassischen Motivarbeit über Minimal Music, Elektronik, erweiterte Spieltechniken, scharf dissonante Spannungen bis zu Anklängen fernöstlicher Harmonien und Rhythmen in einem überwiegend erweitert tonal und in traditionellen Takten verankerten Klangbild. Der deutsche Ländler, der musikalisch für Angela Merkels Atom-Ausstiegs-Entscheidung steht, darf erkannt werden. Übrigens sind auch die improvisatorisch wirkenden Soli weitgehend auskomponiert und im Notentext fixiert.

Ohne Betroffenheits-Kitsch

Dem Solosopran fallen die mal in kurzen Arien, mal eher knapp rezitativisch vertonten Zeugnisse der Menschen zu, die von dieser Dreifachkatastrophe aus Beben, Tsunami und atomarer Kernschmelze heimgesucht wurden: Evakuierte, Verzweifelte, Verstrahlte, Versehrte, Trauernde. Ihre Stimme, die Stimme von Susan Choi, ist in den oberen Lagen eindringlicher und dichter.

Zum Ende hin zieht Sprecher Udo Rau auch die Bilanz: mehr als 16 000 Tote, zweieinhalbtausend bis dato Vermisste, rund 200 000 nach der radioaktiven Verseuchung Vertriebene, 27 000 zwangsweise samt aller Habe verlassene Haushalte, rund 1 200 Menschen, die sich in der Folge der Katastrophe das Leben nahmen. »Warum ich?«, fragt die Sopranstimme. Die Melodie der Flöte ist vom Vogelgesang zum Lamento in trauriger Schönheit geworden und geht in einem anschwellenden Einheitston aller Instrumente auf, bei dem durchaus etwas von Kraft und Trost mitschwingt.

Der lange und starke Beifall galt einer sehr beachtlichen Komposition, der virtuosen und hoch konzentrierten Interpretation des Ensembles und einem Werk, das ohne Betroffenheits-Kitsch auskommt.

Weitere Vorstellungen im Neckarkraftwerk an der Tübinger Brückenstraße sind am Donnerstag und am Samstag, 24. und 26. März, jeweils um 20 Uhr. (GEA)



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