Konzert - Und immer lockt der Rhythmus: Matinee der Gedok mit dem Gitarrenduo »Acordado«

Die Glut Lateinamerikas

REUTLINGEN. Mit einer aparten und hochwertigen Gitarren-Matinee hat die Gedok im Spitalhof ihre Jahresausstellung mit dem Motto »Im Fluss« beendet. Mit frischen Melodien, feinen Harmonien und starken Rhythmen aus Süd- und Nordamerika erreichte dieses Finale große Attraktivität und eine Stimmungslage zwischen Lebensfreude und Melancholie, wie sie sich am spürbarsten wohl im Tango und der Milonga niederschlägt, jenen einst subversiven Tänzen, die dann zur unverwechselbaren Stimme vor allem Argentiniens geworden sind.

Das Duo »Acordado« mit Bettina Gajewski und Stephan Wach hat eine Reihe bei uns kaum bekannter Komponisten vorgestellt, die dieser Matinee eine nachhaltige Farbigkeit und darüber hinaus auch eine sehr persönliche musikalische Ansprache gesichert haben. Das mochte daran liegen, dass sich dieses Duo genau auf jeden Komponisten einstellt und allen eine technische und stilistische Brillanz zukommen lässt, die unmittelbar an den tiefen emotionalen Gleichklang dieser beiden Musiker gebunden ist.

Wie auf einem Instrument

Zu zweit scheinen sie wie auf einem Instrument zu spielen. Ohne dass bei so viel Harmonie die Spannung fehlen würde. Sie ist im rhythmischen Fundament ihres Musizierens immer da. So bei den Kompositionen des Argentiniers Maximo Diego Pujol, wo der Rhythmus in Klang und Farbe und Melodie ausstrahlt und das hart Akzentuierende und das sinnenhaft Nachdenkliche zum Beispiel in den »Herbststücken« durchpulst und mit Nähe füllt. Oder in »Jongo« des Brasilianers Paulo Bellinati, wo ein populärer Rhythmus die Melodien zum Schwingen bringt und sich in einem kurzen, fabelhaft gespielten Schlagzeug-Intermezzo in seiner ganzen Energie Raum schafft.

Als Solisten stehen sich Bettina Gajewski und Stephan Wach in nichts nach. Können und Musikalität zeichnen beide in hohem Maß aus. Wie das bei ihm beispielsweise in der Barcarola von Augustin Barrios Mangor aus Paraguay zu erleben war. Und bei ihr im »Novembertag« von Leo Brouwer aus Cuba, den sie zart in der Schwebe zwischen Trauer und Lieblichkeit hält und dabei Ernst und manuelle Eleganz hinreißend verbindet.

Einziger Europäer ist an diesem Vormittag der Gitarre der aus Pressburg stammende Johann Caspar Mertz gewesen. In seiner »Wasserfahrt am Traunsee« rauscht es mächtig vor romantischen Arpeggien und sprudelnden Klängen - und wer manchmal ein wenig alpenländisches Zither-Kolorit rausgehört hat, lag wohl nicht daneben. Eine Idylle im Vergleich zur Lebenskraft des lateinamerikanischen Rhythmus, den das Duo »Acordado« auf so vielfältige, auf rassige und tiefsinnige Weise gefeiert hat. (hdw)



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