Krimi - Wolfgang Schorlau erzählt in der Stadtbibliothek, wie er echte Ermittlungsakten mit Fiktion mischt
Die Bombe auf dem Oktoberfest
VON MONIQUE CANTRÉ
REUTLINGEN. Wolfgang Schorlau ist mit seinen Kriminalromanen um den Stuttgarter Privatermittler Georg Dengler immer ganz dicht am wirklichen Leben, sprich: am wirklichen (politischen) Verbrechen. Sein soeben erschienenes neues Buch »Das München-Komplott« befasst sich mit dem Bombenattentat von 1980 auf das Oktoberfest. Es war mit 13 Toten und 200 Verletzten der schlimmste Terroranschlag in der BRD und ist dennoch kaum noch im Bewusstsein. Wahrscheinlich, weil als Täter ein verwirrter Neonazi präsentiert wurde, meint Schorlau. Schicksal eben.
Aber dass dahinter ganz andere Fädenzieher standen, davon ist Wolfgang Schorlau überzeugt. In der Reihe »Der Autor im Gespräch« in der Stadtbibliothek (in Zusammenarbeit mit dem SWR, der Kreissparkasse und Osiander) berichtete er über Ungereimtheiten und Manipulationen in den Ermittlungsakten, über mittlerweile aufgetauchte 10 000 Blatt Stasi-Akten, über einen nie analysierten herrenlosen Finger auf der Theresienwiese oder über einen verdächtigen Freitod eines Sprengstoffbeschaffers in seiner Gefängniszelle, unmittelbar bevor er aussagen sollte.
Geheimorganisation Gladio
Im Gespräch mit der SWR-Redakteurin Christel Freitag, die kenntnisreich und erhellend nachfragte, baute sich mit Schorlaus Schilderung seiner Recherchen und Schlüsse daraus ein packender Realkrimi auf, dem die zahlreichen Zuhörer gebannt lauschten.
In seinem Roman übernimmt der Genussmensch Dengler aus dem Stuttgarter Bohnenviertel, den das Attentat fast 30 Jahre danach heftig erschüttert, die Aufklärung der offenbar gezielt vertuschten wirklichen Umstände. Ihm tun sich Parallelen zur Geheimorganisation Gladio in Italien auf, einer paramilitärischen Geheimorganisation von Nato und CIA, die im Kalten Krieg mit Terroranschlägen politisch Einfluss nahm. Schorlau: »Ich kann es nicht beweisen, dass deutsche und amerikanische Geheimdienste involviert waren, aber ich halte es für wahrscheinlich.«
Der perfekt beherrschte schriftstellerische Kniff von Wolfgang Schorlau besteht darin, dass er die komplizierte authentische Materie mit fiktiven Handlungen verknüpft, die über die Spannung hinaus prächtige Unterhaltung bieten. Dazu gehört auch Georg Denglers Freundeskreis, seine Stammkneipe mit dem kahlköpfigen Kellner, seine Freundin Olga, die im »München-Komplott« jedoch stark im Hintergrund bleibt, und dazu gehört Schorlaus Talent, pointiert und mit trockenem Humor die zwischenmenschlichen Dinge zu beschreiben.
Zu seinen kurzen Leseproben, die er an diesem Abend gab, zählte auch das amüsante Kapitel »Martin Klein«, in dem Denglers Wohnungsnachbar und Gebrauchsautor Martin seine aktuelle Horoskop-Produktion für »sonntag aktuell« preisgab. Dabei musste er gestehen, dass er eigens für seine neue Flamme einen Text verfasst hat, der sie zur Kontaktaufnahme mit ihm verführen soll. Eigentlich hatte Martin gedacht, die Paarungszeit sei für ihn vorbei - bis ihm die Angebetete über den Weg gelaufen ist. (GEA)