Kultur
Ballett - Dominique Dumais schuf im Nationaltheater einen beeindruckenden Tanzabend über Rainer Maria Rilke

Der tanzende Dichter

VON ANGELA REINHARDT

MANNHEIM. »Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?« Hoch über dem adriatischen Meer soll ihm dieser Satz eingefallen sein, mit dem Rainer Maria Rilke in die existenziellen Fragen seiner »Duineser Elegien« eintaucht. Die zehn Klagelieder sind eines der dichtesten, hermetischsten Werke der deutschen Lyrik, von einer metaphernsatten und musikalisch geradezu einlullenden Schönheit der Sprache.

Jetzt stehen sie im Mannheimer Nationaltheater im Zentrum eines ungewöhnlichen, ebenso rätselhaften wie poetischen Tanzabends. Geschaffen hat ihn Dominique Dumais, die zweite feste Choreografin des Mannheimer Balletts neben Direktor Kevin O'Day. Getanzt wird in »Rilke« zu einer Musikauswahl von Alban Berg, Anton Webern, Ferruccio Busoni bis zu Charles Ives.



Behutsam, mit umfassendem Wissen und einfühlsamer, nie übertriebener Symbolik wagt sich die Kanadierin an Rilke, hält sich in ihren zehn Szenen genau an die Reihenfolge der Elegien und überträgt deren ausgeprägte Bildsprache in starke, symbolträchtige Bilder.

Ferne Glockenschläge hallen durchs Auditorium, Vogelschreie evozieren das Schloss hoch über dem Meer und die Weite des Raumes, als »Weltinnenraum« eines der zentralen Motive der Elegien. Stark abstrahiert deutet Tatyana von Walsums Ausstattung einen Park an, die offenen Haare der Frauen und ihre schwingenden Kleider weisen auf den Jugendstil hin.

Der Engel, bei Rilke das ewige Gegenbild des zweifelnden, vergänglichen Menschen, wandelt ebenso durch diesen getanzten Rilke-Kosmos wie der Jüngling und die Mutter, wie Picassos Gaukler oder leere Menschen-Puppen.

Das lyrische Ich

Mitten unter ihnen ist auch der Dichter, das lyrische Ich der Elegien, getanzt von Luis Eduardo Sayago, der sich als Held auf einer großen, beschriebenen Steinkugel zu halten versucht. Nur wenige Ausschnitte aus Rilkes Versen werden zwischen den Musikstücken eingespielt, die Dirigent Günther Albers zu einer stillen, eindringlichen Partitur an der Grenze von Spätromantik und Moderne zusammengestellt hat.

Ohne Engel, dafür in einem Regen aus Rosenblättern endet das Leben des Dichters, eine Anspielung auf Rilkes Grabspruch. Auch wenn man diese Bilder voll dunkler Trauer erst bei mehrfachem Sehen ganz entschlüsseln kann - wo sich ihre weniger ambitionierten Kollegen in der Hoffnung auf Zuschauer einfach berühmte Titel der Weltliteratur von »Carmen« bis »Anna Karenina« unter den Nagel reißen, da erinnert uns Dominique Dumais daran, zu welch tiefen Gedanken das Tanztheater fähig ist.

Weitere Termine: 5., 17., 23. Februar, 24. und 30. März. (GEA)

www.nationaltheater-mannheim.de



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