Porträt - Vor 125 Jahren wurde Wilhelm Kehrer geboren. Malend dokumentierte er Reutlingen, die Alb und die Alpen

Der Reutlinger Spätimpressionist Wilhelm Kehrer

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Es ist, als werde eine Schatzkiste geöffnet, als Gudrun Keinath die Tür zu einem kleinen Zimmer im Dachgeschoss aufmacht. Bilder über Bilder lehnen an der Wand. Blumen, ein Selbstporträt, der Albtrauf mit Achalm. Präzise, sicher in der Komposition, reizvoll im Spiel von Licht und Farbe. Wilhelm Kehrer hat das geschaffen. Am 22. Februar vor 125 Jahren wurde er geboren.

Rechts ein Selbstporträt Wilhelm Kehrers, links eines seiner letzten vollendeten Bilder mit Albtrauf und Achalm.
Rechts ein Selbstporträt Wilhelm Kehrers, links eines seiner letzten vollendeten Bilder mit Albtrauf und Achalm. FOTO: Armin Knauer
»Das war früher das Mädchenzimmer«, erklärt Gudrun Keinath, die Enkelin des 1960 gestorbenen Künstlers. Hier waren zu Kehrers Lebzeiten junge Frauen von der Alb einquartiert, die als Praktikantinnen das Handwerk des Haushalts lernen sollten. Heute dient der Raum als Bilder-Magazin. Das Haus, 1951 entstanden, bewohnt Keinaths Tochter mit ihrem Mann, also Kehrers Urenkelin.

Dessen Atelier war ein Zimmer weiter. Noch immer zeugt die großzügige Fensterfront vom ursprünglichen Zweck des Raums. Durch die breite Verglasung fällt der Blick unmittelbar auf die Reutlinger Kreuzkirche. Kehrer hat sie in den 1950er-Jahren mehrmals im Bau gemalt. Eines dieser Bilder mit dem angerüsteten Turm ist heute im Foyer der Kirche aufgehängt.

Ruhiger Mensch mit Humor

»Er war ein sehr ruhiger, freundlicher Mensch«, erinnert sich Gudrun Keinath. Sie war acht Jahre alt, als ihr Großvater starb. »Er hat nie mit uns geschimpft, war eher still. Die Großmutter Else war diejenige, die es gerne gesellig hatte.« Dafür habe ihr Großvater einen feinen, trockenen Humor gehabt. Gemalt habe er, bis mehrere Schlaganfälle ihn am Ende seines Lebens einschränkten.

So ruhig er war, konnte er doch ein anregender Redner sein, erinnert sich Jürgen Willer, der Bruder von Gudrun Keinath. Besonders, wenn es um seine Themen ging; wenn er etwa dem Enkel Farben und Techniken erklärte. Oder wenn er in der Gewerbeschule unterrichtete.

Die Natur, sie war ganz Wilhelm Kehrers Sache. Er war Mitglied im Alpen- wie im Albverein, durchstreifte wandernd den Albtrauf wie die Bergwelt bei Hindelang oder am Gardasee. Die Natur war sein eigentliches Atelier. Wie einst die Impressionisten schleppte er sein Malzeug hinaus, um direkt vor Ort zu malen, mit dem Zauberspiel des Sonnenlichts vor Augen.

Aus einem großen Schrank im einstigen »Mädchenzimmer« befördert Keinath eine Klapp-Staffelei und einen Klapphocker mit drei Holzbeinen. Auch die große hölzerne Farbpalette ist noch da. Ihr Vater habe den Opa oft zum Malen gefahren und wieder abgeholt, weil dieser, wie viele seiner Generation, kein Auto hatte. Ein altes Schwarz-Weiß-Foto zeigt den Maler im Freien, die große Palette in der einen, den Pinsel in der anderen Hand. An den drei zerbrechlich wirkenden Beinen der mobilen Staffelei hat er einen flachen, aufgeklappten Holzkoffer befestigt und in dessen Innenseite eine Leinwand. So entstanden Ölgemälde direkt in der Natur.

Unter den Nazis habe Kehrers Malerei nicht als entartet gegolten, weiß Gudrun Keinath. Dazu sei seine Malweise zu realistisch gewesen. Er selbst hielt sich aus Politischem heraus, sich ideologisch vereinnahmen zu lassen, war ihm fremd. »Er war eben ein Individualist«, sagt sein Enkelsohn Jürgen Willer.

Vorliebe für Freiluftmalerei

Durch seine Vorliebe zur Freiluftmalerei hatte Kehrer, wie viele Maler im Südwesten, eine Nähe zu den Impressionisten. Immer haben Licht und Farbe bei ihm ein ausgeprägtes Eigenleben. Vor allem sein Spätwerk nach dem Krieg, als er beginnt, viel mit dem Spachtel zu malen, löst den Bildraum kühn in frei gesetzte Flecken auf. Die Lichtstimmung wird nun vollends zum Hauptakteur. So etwa im »Turmbau der Kreuzkirche«, wo das Motiv in abendlich rötliches Gegenlicht getaucht ist wie eine Erscheinung. Oder in »Bahnhofsgelände im Schnee« von 1955, wo man Brücken und Fabriken nur noch ahnt im winterlich kalten Dunst.

Die Liebe zur Natur rührt schon aus Kehrers Kindheit her. 1892 in Honau geboren durchstreifte er schon als kleiner Junge die Hänge am Albtrauf. 1912 geht er nach Stuttgart an die Akademie, studiert 1914 noch eine Weile in Königsberg, ehe er in den Krieg eingezogen wird. Selbst als Soldat lässt Kehrer die Kunst nicht los. Erst kürzlich hat Jürgen Willer zwei (ganz friedliche) Zeichnungen wiederentdeckt, die 1917 auf dem Frankreichfeldzug entstanden sein müssen, wohl in Flandern: Eine Skizze zeigt ein Gehöft mit Baum, die andere eine traditionelle Windmühle.

Nach dem Krieg lässt Kehrer sich in Reutlingen nieder, wohnt lange in der Charlottenstraße. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er als Lehrer an der Gewerbeschule, wo er die kreativen Berufe betreut: Buchbinder, Grafiker, Dekorateure. Er selbst ist sich für die angewandte Kunst nicht zu schade. Für das Reutlinger Naturtheater gestaltet er Plakate und sogar ganze Kulissen.

Daneben ist Kehrer aber immer auch freier Künstler. Zu Beginn dominieren Blumenstillleben. Die legt er mal in akribischer Genauigkeit an wie wissenschaftliche Illustrationen. Dann aber auch wieder als subtile Farbstudien wie in seinen »Geranien« von 1929 mit ihrem dunklen Leuchten von Rot und Grün.

Die wenigen Porträts, die er macht, sind von der nüchternen Strenge der Neuen Sachlichkeit geprägt – aber auch vom freien Pinselstrich der Expressionisten. Ein Selbstbildnis von 1942 zeigt den Künstler in gespannter Ruhe mit fragendem Blick vor der Leinwand.

Der Gegenpol zu Kehrers Naturliebe ist seine Faszination für die Technik. Mit der Detailtreue einer Konstruktionszeichnung setzt er im Juli 1945, kurz nach Kriegsende, einen Panzer der französischen Besatzungsmacht in Szene. Im Hintergrund zuckelt ein Pferdefuhrwerk vorbei: Gegenwart und Vergangenheit. Auch ein (in goldenes Gegenlicht getauchter) Raupenkran beim Schutträumen im zerbombten Nachkriegsreutlingen zeigt diese Technikbegeisterung. Oder eine Ansicht der lichtüberglänzten Neckarbrücke bei Altenburg, die Kehrer im Bau malt.

Oder eben auch der zwischen einem Raster von Gerüststangen emporwachsende Kreuzkirchenturm. Kehrer macht aus alldem keine zivilisationskritischen Mahnungen, sondern Kunstlandschaften, die der Faszination des Naturraums nicht nachstehen. In der Ansicht der »Neuen Straße«, verblüffend von einem erhöhten Standpunkt erfasst, erkannte Kunstexperte Gerhard Grimm in seinem Beitrag für den Begleitband zur großen Kehrer-Ausstellung 1992 in der Kreissparkasse sogar eine an Monet erinnernde Farbpalette.

Wiederentdeckung steht an

Damals, an seinem 100. Geburtstag, war Kehrer noch stärker im Bewusstsein verankert. Neben der großen Schau in der Kreissparkasse gab es bereits 1982 eine Schau zu seinem 90. Zwischenzeitlich war er an vielen Ausstellungen mit Stadtansichten beteiligt. Doch insgesamt gilt es, Wilhelm Kehrer in seiner ganzen Bandbreite wiederzuentdecken. Die Chance dazu bietet eine Bildbesprechung morgen um 18 Uhr im Heimatmuseum, aber auch eine Ausstellung, die voraussichtlich ab Ende März im Albmaler-Museum von Martin Rath im Alten Lager bei Münsingen zu sehen sein soll. (GEA)





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