Kultur
Literatur - Raymund Krauleidis über den Büroalltag

Der normale Wahnsinn

REUTLINGEN. Raymund Krauleidis hat sein Ventil gefunden. »Ich wäre im wahren Leben gerne so zynisch wie im Buch«, bekannte der gebürtige Tübinger am Mittwoch in der Reutlinger Buchhandlung Thalia, wo er seinen Büroroman »Schmoltke & ich« vorstellte. Als Insider mit satirischem Blick knöpft sich der 36-Jährige darin die endlosen Weiten der Sinnlosigkeit und die tiefen Abgründe der Inkompetenz in einem Großkonzern vor. Um welche Branche es geht, lässt Krauleidis offen, er verrät nur: »Alle im Unternehmen sind sehr beschäftigt. Meistens mit sich selbst«. Und während der Ich-Erzähler nicht blass, aber ohne Namen bleibt, ist der mopsige Buchhalter Schmoltke, der ihn mit seiner Kleinkariertheit nervt, im Internet längst schon zur kultigen Marke avanciert.

Mit kurzen Geschichten über ihn habe alles angefangen, berichtete Krauleidis. »Er war als Figur einfach so da«: mit seiner pedantischen und tollpatschigen Art, seinem geliebten Zuhause bei Mutti und der allzeit in Ehren gehaltenen Tasse mit der Aufschrift »Mit Kaffee und Kuchen lässt sich's gut buchen«. Der 300-seitige Roman, wenn man ihn trotz seiner episodischen Struktur so nennen will, entstand binnen weniger Wochen. Bevor er unter die Satiriker ging, hat Krauleidis, der in Mössingen aufwuchs und heute im Raum Stuttgart lebt, als Diplom-Kaufmann bei einem Telekommunikationsdienstleister und einem großen Energieunternehmen Erfahrungen gesammelt.

Am längeren Hebel

Was er erzähle, sei »natürlich alles frei erfunden«, betonte er. Doch dürften manchem die IT-Spezialisten, die eine Rundmail an alle verschicken, um vor einer Serverüberlastung durch Rundmails an alle zu warnen, bekannt vorkommen. Oder der Vorstandsvorsitzende, der dem Chef die Lorbeeren abspenstig macht, die dieser wiederum dem Angestellten abgeluchst hat. Letztlich fallen beide auf die Nase, weil der Ich-Erzähler am längeren Hebel sitzt. Spätestens hier beginnt die Fiktion, denn die kleinen Triumphe, die Krauleidis seinem literarischen Alter Ego gönnt, sind zu perfide, als dass sie im wahren Leben ohne disziplinarische Folgen bleiben könnten.

Auch in seinem Fall gilt: »Performt« wird hauptsächlich in eigener Sache, zum Selbstschutz oder aus Rache. Da tauchen in den Excel-Tabellen der Buchhaltung statt arabischen schon mal römische Ziffern auf. Da flattert dem Chef eine Einladung zum Seminar »Personalführung für Anfänger« ins Haus. Der Vorstandsvorsitzende wird mit einer »Spezialübersetzung« gezwungen, seine geklauten Ideen in fragwürdigem Englisch zu präsentieren. Und Schmoltke sieht sich durch die Einführung einer Hauspost-Portopflicht ins Schwitzen gebracht. Das Ganze ist amüsant und gut beobachtet, überspitzt, aber doch so dicht am täglichen Wahnsinn, dass man sich am Ende fragt, wem die Kollegenschwein-Kaffeetasse denn nun gebührt. Schmähreden im Büro hat Krauleidis für sein Romandebüt übrigens noch nicht zu hören bekommen, eher die freundliche Aufforderung »Mach doch da mal eine Schmoltke-Geschichte draus«. (cbs)


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