Übersetzertage - Wolfgang Niess im Gespräch mit dem Autor und Übersetzer Klaus Modick in der Stadtbibliothek

Der in Feuchtwangers Bett schlief

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Klaus Modick kennt beide Seiten. Der Oldenburger ist einerseits Autor: 16 Romane, einen Band mit Sonetten, eine Novelle, Erzählungen und zahllose Essays hat er herausgebracht. Mit seinem jüngsten Roman »Konzert ohne Dichter« über die Verwerfungen in der Künstlersiedlung Worpswede zwischen dem Maler Heinrich Vogeler und dem Dichter Rainer Maria Rilke in den Jahren nach 1900 landete er bei Kritikern wie beim Publikum einen Treffer. Daneben hat er aber auch 25 Bücher aus dem Englischen übersetzt, darunter Romane von Matt Beynon Rees, Charles Simmons, William Gaddis, aber auch Bücher des Klassikers Robert Louis Stevenson.

Witzig, scharfsinnig, anekdotenreich: Klaus Modick im Gespräch.
Witzig, scharfsinnig, anekdotenreich: Klaus Modick im Gespräch. FOTO: Armin Knauer
Stevenson sei sein absoluter Lieblingsautor, verrät er am Dienstagabend in der Reutlinger Stadtbibliothek, wo er in der Reihe »Autor im Gespräch« von Wolfgang Niess befragt wird. »Mit dem hätte ich gerne mal ein paar Worte gewechselt.« Geht nun leider nicht mehr, der Autor der »Schatzinsel« ist seit 1894 tot. Aber zum Thema des Übersetzens hatte Modick einiges zu sagen, schließlich war das Gespräch ja auch Teil der Übersetzertage.

Dienende Tätigkeit

Das Übersetzen sehe er strikt als dienend. Mit Übertragungen, die sich gegenüber der Vorlage in den Vordergrund spielen wollen, könne er nichts anfangen, sagt Modick. Und schiebt die Anekdote einer Buchhändlerin nach, die ihrem Kunden rät: »Nehmen Sie lieber die Übersetzung von Harry Rowohlt, im Original geht davon sehr viel verloren!«

Gelächter in der Runde der etwa vierzig Hörer im Großen Studio. Ja, man wurde gut unterhalten - und gewann doch viele Einsichten. Modick, 66, plauderte so witzig, farbig und temporeich, wie er schreibt. Hier ein Seitenhieb auf die Kritikerzunft, dort ein Bonmot oder eine Anekdote - dabei brachte Modick die Dinge scharfsinnig auf den Punkt.

Sehr erhellend für das von ihm beargwöhnte Kritikerwesen etwa die Geschichte, als in der FAZ eine Rezension über eine seiner Stevenson-Übersetzungen erschien. Da fand der Kritiker die Behandlung der Dialoge in einer früheren Übertragung doch wesentlich geschmeidiger. Blöd nur, dass beide Übersetzungen, wie sich herausstellte, identisch waren - und beide von Modick stammten.

Modick verriet, dass er gerne Übersetzungen einschiebt, wenn er einen eigenen Roman abgeschlossen hat: »Ich schreibe einfach weiter, die eigentliche Arbeit hat aber schon der Autor gemacht«, grinst er schelmisch. Denn das sei der Unterschied: Der Autor schaffe Sprache aus nichts, der Übersetzer hingegen mache Sprache aus Sprache. Anders gesagt: »Der Übersetzer muss sich die Sachen nicht ausdenken - und das ist beim Schreiben nun mal die größte Qual!« Gelächter im Saal. Kurzum, die Leistung des Autors sei die Größere, sagt Modick. Wobei er aber auch betont, dass der Übersetzer die Texte in der Regel genauer kenne als der Autor selbst. Der Autor wisse schließlich, was er sagen wolle, der Übersetzer hingegen müsse jedes einzelne Wort auf die Tiefenstruktur seiner Bedeutung hin befragen.

Ob er frühere Übersetzungen desselben Werks lese, bevor er sich ans Werk mache, will Moderator Niess wissen. Nie, sagt Modick. Allenfalls mal bei heiklen Stellen. Da frage er erst seine Frau, eine Amerikanerin. »Die sagt dann oft, sie findet die Formulierung auch völlig unverständlich.« Und dann gucke er schon mal, wie das frühere Übersetzer gemacht hätten. »Und dann findet man, die haben sich darum herumgemogelt«, schmunzelt Modick. Extremstes Beispiel sei Nathanael Wests Roman »Der Tag der Heuschrecke« (Original: »The Day of the Locust«). Knifflige Formulierungen hätten in der Übersetzung einfach gefehlt.

Es ging noch um viel mehr in diesen kurzweiligen knapp zwei Stunden. Etwa darum, wie Modick zu seinen Stoffen kommt. Bei »Sunset« über die Freundschaft von Feuchtwanger und Brecht im amerikanischen Exil sei sein Stipendium in der Villa Aurora, Feuchtwangers ehemaligem Domizil in Kalifornien, der Auslöser gewesen. »Ich schaute dort in den Spiegel des Meisters, schlief sogar in seinem Bett - Gott sei Dank hatten sie inzwischen die Laken gewechselt.« Plötzlich sei die Persönlichkeit Feuchtwanger für ihn vom abstrakten Thema der Dissertation zu etwas ganz Lebendigem geworden.

Fast satirisches Rilke-Porträt

Wie überhaupt das Porträtieren historischer Personen eine Spezialität von ihm geworden ist: farbig, süffig, präzise und stellenweise fast satirisch. Köstlich etwa, wie er den vergeistigten Rainer Maria Rilke in »Konzert ohne Dichter« zeichnet, davon gab's am Ende noch eine ausführliche Lese-Kostprobe. Im nächsten Jahr soll ein Werk über den Schriftsteller Eduard von Keyserling (1855-1918, »Schwüle Tage«) herauskommen.

Im Übrigen gab Modick auch ein plastisches Beispiel, auf welchen Umwegen man zum Hauptberufsschriftsteller werden kann. Ende der 1970er holte sich der angehende Pädagoge bei einer Schul-Hospitanz den Praxisschock. Und entdeckte dann die Leidenschaft fürs literarische Schreiben, als er mit seiner Dissertation über Lion Feuchtwanger stecken blieb, gewissermaßen als Lockerungsübung. Daraus wurde später überarbeitet sein erster großer Erfolg »Ins Blaue« (1985).

Nebenher hatte er bis 1984 immer noch als Werbetexter gearbeitet. Unter anderem stammt von ihm der Reklamespruch für das nach eigener Einschätzung »etwas obszöne« Eis »Ed von Schleck«: »Mach doch keinen Heckmeck, sonst schleck ich dich vom Fleck weg!« Das gab er auf, und beim dritten Buch »Das Grau der Karolinen« sei ihm dann klar gewesen, »dass ich jetzt Schriftsteller bin«. (GEA)

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