Konzert - Der Verein »TheMu« präsentiert das Jonathan Kreisberg Quartet im Reutlinger »Pappelgarten«

Der Hendrix der Jazzgitarre

VON JÜRGEN SPIESS

REUTLINGEN. Historismus ist seine Sache nicht, eher schon Ironie und die Lust am Spiel. Was der Gitarrist Jonathan Kreisberg und seine drei Mitspieler am Montag bei ihrem Auftritt im Reutlinger »Pappelgarten« spielen, ist eigentlich Fusionjazz, wie man ihn aus den 70er- und 80er-Jahren kennt, aber wirkungsvoll, unwiderstehlich und von dem 1972 in New York geborenen Gitarristen virtuos und mit Herzblut vorgetragen.

Jonathan Kreisberg FOTO: SPIESS
Jonathan Kreisberg FOTO: SPIESS
Dabei hat das Saitenspiel des einstmaligen Prog-Rockers und Jimi-Hendrix-Fans allemal auch eine seinem Idol angelehnte Seite. Seine Lagenwechsel sind unerhört schnell und selbst wenn die linke Hand wie ein Krake über das Griffbrett gleitet, bleibt sein Spiel malträtierend – geschwind und beschwingt zugleich, unverblümt und ungeduldig.

Jonathan Kreisberg, der bereits mit Joe Henderson, Michael Brecker und Red Rodney auftrat, ist kein Nachlassverwalter, sondern eher ein Noten-Jongleur, ein Artist. Mal swingt er mit charmanter Lässigkeit, mal zündelt er hemmungslos mit dem Fusion-Feuer. Mal geht er mit der Gitarre auf Spurensuche und färbt seine Linien mit traditionellen Jazz- oder Rock-Elementen. Mal erinnert er in seinem Gitarrenspiel an die freie Harmonik der 60er-Jahre. Kreisberg zeigt, was er kann und er liebt es, Widerhaken und Kontrapunkte zu setzen. Nur muss man sich das nicht unangenehm vorstellen oder protzig, sondern eher wie eine Wundertüte, und wir sind die Kinder, die sie auspacken. Und doch ist dies nur die eine Seite von Jonathan Kreisberg, wie der Auftritt mit seinem sich von Stück zu Stück steigernden Quartett eindringlich beweist.

Clever arrangiert

Ob bei sphärisch-elektronischen Interpretationen von Standards oder bei eigenen eher balladesken Stücken wie »Wild Animals we’ve seen«, »Zembékiko« und »I thought about you«: der Gitarrist versteht sich nicht nur auf expressiven Fusionjazz, sondern kann auch mal melancholisch und selbstvergessen über die Saiten schrammeln.

Seine Begleiter, der ebenfalls aus New York stammende Pianist David Kikoski, Bassist Rick Rosato und Drummer Colin Stranahan, spielen dabei keine Nebenrollen, sondern glänzen wiederholt mit ausgreifendem Solospiel.

Vor allem nach der Pause sorgt Schlagzeuger Stranahan für vehementen Drive und zieht gemeinsam mit Special Guest David Kikoski, jeweils allein und zusammen, rhythmische Kabinettsstückchen ab. Das treibende Fundament gibt vor allem dem Pianisten die Möglichkeit, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Gestört werden die Improvisationskünste der vier Musiker nur bei den ersten Stücken des Konzerts, als die Gitarre etwas zu laut ausgesteuert ist.

Wirkungsvoll, clever arrangiert und nie anbiedernd – so könnte man das Konzert des Jonathan Kreisberg Quartets zusammenfassen. Dafür erhalten die vier Musiker nach knapp zwei Sunden und einer Zugabe überschwänglichen und verdienten Applaus. (GEA)



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