Jazz - Der Trompeter Ryan Carniaux erweist sich im Reutlinger »Pappelgarten« als würdiger Ersatz für Roy Hargrove, dessen Konzert abgesagt werden musste

Der Flow des Jazz

VON JÜRGEN SPIESS

REUTLINGEN. Dampfende Jazz-Rhythmen sind das Motto, der Lockruf von Trompete und Saxofon die Trumpfkarte des US-Quintetts um den New Yorker Trompeter Ryan Carniaux. Bei seinem Auftritt im gut besuchten »Pappelgarten« erweist sich der an der Essener Folkwang Universität der Künste lehrende Jazz-Professor als ein würdiger Ersatz für das ausgefallene Konzert von Roy Hargrove.

Ryan Carniaux. FOTO: SPIESS
Ryan Carniaux. FOTO: SPIESS
Es geht ihm zwar gesundheitlich wieder besser, der Grund für die wiederholte Absage seines Auftritts im Pappelgarten war dieses Mal aber dem schnöden Mammon geschuldet: Das Management von Roy Hargrove hatte den Auftritt seines Star-Trompeters gecancelt, »weil ihm für ein Konzert in Washington das Fünffache geboten wurde«, so der etwas angefressene Veranstalter Tobias Festl.

Hohe Kunst des Interagierens

Die Enttäuschung wich aber schon bald einer ausgelassenen Euphorie, denn das kurzfristig eingesprungene Ryan Carniaux Quintet bescherte den rund 90 Besuchern ein allen Ansprüchen genügendes Konzert. Die fünf Musiker aus den USA, Holland und der Schweiz, die alle in Berkley studiert haben und dort gemeinsam in einer Wohngemeinschaft lebten, haben die wohl wichtigste Tugend des Jazz, die Interaktion, zu einer hohen Kunst verfeinert und platzen zudem fast vor Energie und Spielfreude.

Es sind vor allem die suchenden Töne, die, man kann es dem Gesicht von Ryan Carniaux ablesen, nicht so leicht von der Hand gehen, wie es den Anschein hat. Nach ein paar Takten schon hat der New Yorker Trompeter und Flügelhornist seine musikalische Welt offenbart. Sie lässt sich keinem klassischen Genrebegriff zuordnen, ist von leuchtender jazzmusikalischer Transparenz und deutet den Flow des Jazz weniger als rhythmisches Moment denn als ein kaleidoskopartiges Spiel, geprägt von Zuhören und Zurückgeben. Die melodische und dramatische Entwicklung seiner Einwürfe sind voller Überraschungen und dazu überaus formbewusst. So eine Deckungsgleichheit von Spontaneität und Geplantheit bekommt man in der Tat selten zu hören.

Spiel mit Mustern

Auch Carniauxs Mitmusiker wirken von der ersten Minute an hoch motiviert, um die minimalen Verschiebungen, das feine Oszillieren des Klangs nicht zu verpassen. Das Publikum lauscht, wie der New Yorker Altsaxofonist Plume vor allem im Zusammenspiel mit seinem Bandleader zu Höchstform aufläuft, wie Reza Askari seinem Kontrabass schier unendliche Klangfarben abringt, wie Mike Roelofs mit dem Klavier das Klangspektrum erweitert, unter dem das Schlagzeug des Schweizers Samuel Dühsler nervös raschelt.

Es ist eine Musik mit ruhigem Fluss, die in den energetischen Ausbrüchen nie zur Hektik tendiert und deren ruhige Passagen nicht zum Abschalten verlocken. Im Gegenteil: Alles fußt in einem Realjazz-Sound moderner Auffassung. Die Ausflüge in andere Musikgenres entwickeln sich nahtlos, und die Soli sprengen nicht vorgegebene Muster, sondern spielen virtuos mit ihnen. Ein Jazzkonzert der Spitzenklasse. Eine Zugabe. Tosender Beifall. Und wer war noch mal Roy Hargrove? (GEA)

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