Literatur - Kritiker Denis Scheck schwärmt im Tübinger Sparkassen-Carré von seinen amerikanischen Lieblingsautoren

Denis Scheck: »Mit Nabokov denken lernen«

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

TÜBINGEN. »Ein bisschen schwärmen darf ich noch«, sagt Denis Scheck, nachdem er einem Blick auf die Uhr geworfen hat. Und schwärmen tut er wirklich an diesem Abend im voll besetzten Tübinger Sparkassen-Carré, bei der Premiere zur neuen Veranstaltungsreihe »Top-Talk«, die das Deutsch-Amerikanische Institut in Kooperation mit der Kreissparkasse, den Stadtwerken Tübingen sowie Osiander aufgelegt hat.

Denis Scheck hatte kofferweise Lieblingsbücher in seine ehemalige Studienstadt Tübingen mitgebracht. GEA-FOTO: STRÖHLE
Denis Scheck hatte kofferweise Lieblingsbücher in seine ehemalige Studienstadt Tübingen mitgebracht. FOTO: Christoph B. Ströhle
Der TV-bekannte Literaturkritiker und Moderator (»Druckfrisch«, ARD) spricht über seine Liebe zur amerikanischen Literatur, unter anderem über seine »Hausheiligen« Philip Roth, Richard Ford, Saul Bellow und Thomas Pynchon. Oder auch über David Foster Wallace und Jonathan Franzen. Und über eine Berufsgruppe, die es schwer hat, überhaupt wahrgenommen zu werden: die Übersetzer. »Ich halte immer noch die literarischen Übersetzer für die wahren, unbesungenen Helden im literarischen Leben unserer Republik«, sagt er und bekommt dafür viel Beifall.

Er versuche als Kritiker immer auch, ein bisschen Aufmerksamkeit auf diese Kreativen zu lenken. »Denn ohne sie säßen wir ja im Mustopf unserer Nationalliteratur fest und müssten den lieben langen Tag Ulla Hahn oder Ähnliches lesen. Und das erscheint mir als ein Schicksal, das wir auch nicht verdient haben«, sagt er spitzbübisch lächelnd.

Neugier geweckt

Scheck ist einer dieser Kritiker, die wegen ihrer klaren Worte geliebt und gehasst werden. Vor allem ist er ein glänzender Unterhalter, der – ähnlich wie der kürzlich verstorbene Roger Willemsen – ein scharfes Urteil gewitzt zu präsentieren weiß. Der, wenn er schwärmt, äußerste Neugier weckt. Irgendwann weiß man gar nicht mehr, welchen Buchdeckel man zuerst öffnen soll, weil dahinter zu entdeckende Schätze lauern.

Scheck, 1964 in Stuttgart geboren, kennt Tübingen noch aus Studientagen, er hat in Lustnau und Ofterdingen gewohnt. Die Tatsache, dass mehrere hundert Menschen gekommen sind, um ihm zuzuhören, kommentiert er mit den Worten: »Mein Verdacht ist, dass ich den meisten aus Studientagen hier noch Geld schulde.« Er empfiehlt, Walter Abishs Roman »How German Is It« als Kommentar auf die deutsche Nachkriegszeit und die RAF zu lesen. Abishs Spezialität sei es, dass er nur über Länder schreibe, in denen er nie war. In diesem Fall Deutschland.

Er trägt Gedichte John Updikes vor und erzählt von dessen früher Tätigkeit als Cartoonist, um zu zeigen, dass Updike nicht nur Romane hinterlassen hat. Er kommt auf Vladimir Nabokov (»Lolita«) zu sprechen, mit dem man »denken lernen« könne. Er sagt, dass James Tiptree Jr. (eigentlich Alice B. Sheldon) das Zeug habe, »der Kafka des 21. Jahrhunderts« zu werden. Eine irritierende Aussage, handelt es sich bei ihr doch um eine Autorin, die hauptsächlich Science-Fiction-Kurzgeschichten und -Romane schrieb und bereits 1987 starb.

Immer wieder lässt Scheck durchblicken, dass es Pulp-Magazine waren, die in jungen Jahren sein Interesse an der Literatur weckten. Viele der Groschenromane habe er bei Konrad Kujau erstanden, der später als Fälscher der Hitler-Tagebücher für Furore sorgte. Stolz ist Scheck darauf, dass ihn Donald-Duck-Übersetzerin Erika Fuchs in zwei Entenhausen-Comics verewigt hat. »Das hat meinem Leben eine Spur von Sinn gegeben«, sagt er selbstironisch.

Der Ruhepol Lyrik

Lyrik, so betont er, ist ihm im Alltag sowohl Ruhepol als auch Richtschnur. »Ich bin auf Poesie angewiesen.« Sie helfe, immer wieder zu erkennen, was im Leben wichtig ist. Emily Dickinson etwa, die im 19. Jahrhundert lebte, schätzt der 51-Jährige sehr. Und auch bei Carl Schurz gerät er ins Schwärmen. »Ich kenne kein besseres Buch über Deutschland im 19. Jahrhundert als dieses«, sagt er über die Memoiren des radikaldemokratischen deutschen Revolutionärs, der nach seiner Auswanderung in die Vereinigten Staaten nach der niedergeschlagenen 1848er-Revolution zum US-Innenminister aufstieg und als erster gebürtiger Deutscher Mitglied des Senats der Vereinigten Staaten wurde.

Auf die Frage aus dem Publikum, was gute Literatur für ihn ausmacht, antwortet Scheck: »Ein wirklich großer Text vermittelt mir eine Weltsicht, die ich vor der Lektüre nicht hatte.«

Ob man schlechte Literatur verbieten sollte, wird er außerdem gefragt. Er sagt: »Nein. Ich bin auch dafür, dass Hitlers ›Mein Kampf‹ jederzeit gelesen werden kann. Eine demokratische Gesellschaft muss so etwas aushalten.« Allerdings findet Scheck auch, man sollte schlechte Literatur öffentlich Hohn und Spott aussetzen. »Da mache ich sehr gerne mit«, sagt er und lacht diabolisch. Und das Publikum lacht mit. (GEA)



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