Konzert - Die Antilopen Gang lässt im Kulturzentrum franz.K rotzig und charmant »Anarchie und Alltag« aufleben

Das Punk-Rap-Patientenkollektiv

VON MARION SCHRADE

REUTLINGEN. Wenn Reutlingen demnächst in einem Song der Antilopen Gang auftaucht, wird das zumindest diejenigen, die am Freitag im franz.K waren, nicht groß überraschen. Eine halbe Stunde Spaziergang vorm Konzert hat den drei Jungs gereicht, um einen Eindruck von Reutlingen zu bekommen, den sie nun mit ihrem Publikum teilen. Tübinger Tor, Volkspark und »dieser lächerliche Fluss«, gesäumt von einem Streifen aus »vollgepisstem Schnee«. Das ist nicht unbedingt nett, aber fein beobachtet.

Gefeierter Auftritt: Die rappenden Punks der Antilopen Gang zelebrieren im franz.K genüsslich und voller Ironie das Außenseitertum.
Gefeierter Auftritt: Die rappenden Punks der Antilopen Gang zelebrieren im franz.K genüsslich und voller Ironie das Außenseitertum. FOTO: Marion Schrade
Die Welt ist, durch die Antilopen-Brille gesehen, nämlich grundsätzlich nie rosarot. Sondern meistens eher grau und, naja, gelb wie der Schnee an der Echaz eben. Ein fieser Ort, an dem Omas von Kriminellen mit dem »Enkeltrick« abgezockt werden, der grundsätzlich ein bisschen Hohn und Spott verdient hat und höchstens noch von Pizza bestellenden Revolutionären zu retten ist. Ihr Empfehlungsschreiben schicken die rappenden Punks mit ihrem »trojanischen Pferd«: »Scheiße wird zu Gold, wir können machen was wir möchten, denn wir gelten für die Medien als moralisches Gewissen ... Auf die Quotenrebellen kann sich jeder irgendwie einigen, ein bisschen frech, aber schlau und so witzig und politisch.« Durchaus entwaffnend. Was soll man als Journalistin dazu noch sagen?

Song über Beate Zschäpe

Im Highspeed-Stakkato hauen die Sprechgesangs-Antilopen ihre Reime raus, auf dass weniger eloquente Rapper vor Neid gelb werden wie der Schnee - Sie wissen schon! Atemlos? Helene Fischer vielleicht. Aber nicht die Antilopen, die, anstatt sich in perfekten Choreografien zu verausgaben, nach eigener Aussage eher tanzen »wie ein verwirrter Mann Anfang 40«. Das ist ausgesprochen sympathisch, auch wenn die Antilopen alle erst so Mitte 30 sind. Wortakrobatik turnen sie nicht nur auf Beats vom DJ, sondern auch zum Band-Sound. Einigen ihrer Songs haben sie kürzlich mit dem Bonus-Album »Atombomben auf Deutschland« ein Punk-Outfit verpasst und zaubern im franz.K pünktlich zum »Presslufthammer« eine Live-Kapelle mit Schlagzeug, Gitarre und Bass aus der Kulisse.

Das Außenseitertum wird zelebriert, das fremdelnde 80er-Jahre-Serien-Alien Alf zu dessen Ikone erhoben und im »Patientenkollektiv« der »Anti-Alles-Fraktion« mit den Fans gruppentherapiert.

Der Song über eine gewisse Beate Zschäpe, Terroristin und mutmaßlich U2-Fan, hatte für die Antilopen sogar juristische Folgen, und der FPÖ wäre es offenbar recht, wenn die »linksextreme Hass-Band« Hausverbot in der Alpenrepublik hätte. »Dabei sind wir doch die linksextreme Band der Liebe«, kontern die Antilopen, die im Video zu »Verliebt« munter miteinander knutschen und das Reutlinger Publikum auffordern, zum »Tinder Match« Smartphone-Displays und Feuerzeuge leuchten zu lassen - damit die Story auf Instagram auch so richtig schön romantisch rüberkommt. Ohne Ironie geht's bei den Antilopen nie, und das ist gut so.

Schließlich bekommt Danger Dan, der »very handsome man« der Band, sein großes Solo. Ganz allein sitzt er auf der dunklen Bühne am Piano. Wie Elton John irgendwie. Bloß dass er nicht von Kerzen im Wind, sondern über die Ölsardinen-Industrie, Konsum und Artensterben singt.

Die Elton-John-Antilope spielt sich zusehends in Rage, mutiert erst zu Jerry Lee Lewis und dann vollends zum Kurt Cobain der Tasteninstrumente. Als er mit dem Hocker aufs Piano haut, wird jedenfalls klar, warum er von ein paar Minuten noch davon erzählt hat, dass er sein Klavier erst ganz neu bekommen hat. »Es war ein wunderschöner Abend«, findet Danger Dan zum Schluss, nimmt seine Bandkollegen an den Händen und verneigt sich mit ihnen vorm Publikum, wie man's normalerweise im Theater macht.

Großer Applaus für die Tragikomödie »Anarchie und Alltag« nach wahren Begebenheiten und die drei Punk-Rap-Poeten - ganz ohne Ironie. (GEA)

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