Konzert - Rolf Martinssons Vertonungen von Emily-Dickinson-Gedichten mit der Württembergischen Philharmonie

Das Große im Winzigen

Von Armin Knauer

REUTLINGEN. Es ist eine merkwürdige Persönlichkeit, die sich der Schwede Rolf Martinsson für seine Liedvertonungen ausgesucht hat. Emily Dickinson, 1830 im Hinterland von Boston in eine gebildet-puritanische Familie geboren, zog sich mit zwanzig völlig zurück und verließ bis zu ihrem Tod 1886 kaum noch das Haus. Ihre tief von der Natur geprägten Gedichte speisen sich mit verstörender Konsequenz durch den Blick aus dem immerselben Fenster.

Ideale Interpretin für Martinsson: die Schwedin Lisa Larsson. GEA-FOTO: KNAUER
Ideale Interpretin für Martinsson: die Schwedin Lisa Larsson. FOTO: Armin Knauer
Ein winziger Ausschnitt Welt, bevölkert von Bienen und Klee, doch bei Dickinson entfaltet sich das in knappen Zeilen zu einem allumfassenden Universum. Das war es vielleicht, was Martinsson gereizt hat, ihn, der als Komponist seinerseits gerne abgeschirmt in seinem Zimmer kraft seiner Imagination eine ganze Welt entfaltet, nur in Tönen. Das ließ er jedenfalls am Rande der deutschen Erstaufführung seines Liederzyklus’ durchblicken, den Ola Rudner mit der Württembergischen Philharmonie und Lisa Larsson als Solistin am Montagabend beim Sinfoniekonzert in der Stadthalle vorstellte. Das Knappe, Rätselhafte habe ihn gereizt, sagt Martinsson in der Einführung im Gespräch mit WPR-Dramaturgin Stefanie Eberhardt – und die Farben in den Texten.

Bescheidener Komponist

Bescheiden wirkt er, wie er da in klarem Englisch erzählt, zurückgenommen und doch knitz. Dickinson ähnlich auch darin, dass ihm beim Erfinden die Farben und Stimmungen förmlich explodieren. Ätherische Schleier von Vibrafon und Harfe vernimmt man da, schimmernde Streichergaze, Lichtreflexe von Glockenspiel und Celesta. Obwohl Martinsson beim Avantgardisten Brian Ferneyough gelernt hat, erinnert seine Klangsprache viel eher an Mahler oder in den beschwingteren Passagen auch an Leonard Bernstein. Man spürt in dieser Musik die Atmosphäre, das Lichterspiel, den Duft im Garten vor dem Fenster der Emily Dickinson. Und wenn in den Texten immer wieder das leise Verwelken des Sommers anklingt, fasst das Orchester das unter Ola Rudner in Klänge, die wie ein Dunstschleier verhauchen.

Sopranistin Lisa Larsson ist die Stimme in diesen knappen Beschwörungen des großen Geheimnisses. Ihr gelingt es, dieses Aufleuchten des Jenseitigen im Winzigen mit Strahlkraft zu füllen. In der Beschwörung des Lebendigen ist sie sprudelnde Lebendigkeit, in kindlicher Begeisterung aufjauchzend, wenn Biene und Schmetterling als Kapitän und Steuermann im Abenteuerboot des Lebens dahingleiten. Und dann wieder sanft die Nuancen des Abendrots streichelnd, wo es um die Vergänglichkeit geht – ein traumverlorenes Balancieren zwischen dem Hinwegschwinden und dem Hinübergleiten in ein neues Sein.

Kindlicher Blick aufs Paradies

Dieses Vorhaben, durch Kunst und Humor ein Fensterchen ins Entrückte zu öffnen, teilt der Komponist Gustav Mahler, dessen vierte Sinfonie im zweiten Teil dran war. Nur ist sein Humor ein anderer, nicht dem menschlichen Getriebe abgewandt, sondern es geradezu aufsaugend, um darin den verborgenen Schlüssel zu besagtem Fenster zu finden.

In seiner »Vierten« tut er das mit staunenden Kinderaugen, und das Orchester erfasst unter Ola Rudner sehr genau das verspielt Überzeichnete, das dabei gefragt ist. Der Beginn schlendert wie ein naiver Kindergesang einher, treibt mutwillige Späße und wird in einer Art Weihnachtslied plötzlich fromm. Mittendrin entfesselt die Durchführung eine Art Kinderzimmer-Schlacht von Gut gegen Böse, ein herrlicher Theaterdonner.

Dem Orchester liegt dieses Spiel mit dem vorgeblich Naiven. Da stehen dicht nebeneinander Momente unverblümter Innigkeit und solche, die im Verspielten das Fratzenhafte mitschwingen lassen. Letzteres vor allem im zweiten Satz, in dem Konzertmeister Fabian Wettstein als »Freund Hein« – also als Tod – gespenstisch furios zum Tanz aufspielt.

Der Dritte Satz schwankt wunderbar zwischen Himmel und Hölle, zwischen Cello-Andacht und fahlen Holzbläserharmonien, die das Idyll todesbleich unterwandern. Ehe sich mit Paukenschall und Trompetengeschmetter plötzlich doch für einen Moment der Vorhang zur Herrlichkeit einen Spalt weit öffnet.

Engelsklang und Erdenlärm

Das Finale mit dem Lied vom »Himmlischen Leben« aus der Sammlung »Des Knaben Wunderhorn« treibt diesen Zwiespalt ins Extrem – auch wenn Lisa Larsson hier nicht ganz so überzeugt wie in den Dickinson-Vertonungen. Das von Mahler gewünschte kindlich-naive Singen ist nicht ihr Ding, stattdessen entrückt sie ihren Part zart ins Engelhafte, wodurch er etwas Kontur verliert.

Großes Kino war es trotzdem: hier die engelsreine Paradies-Besingung, zwischen den Versen dann Narrenschellen-befeuertes Diesseits-Gepolter – und am Ende eine Musik, die den im Text beschriebenen Himmels-Fanfaren ein ratloses Verstummen gegenüberstellt. Das echte Paradies, will Mahler damit sagen, liegt jenseits der Töne. Und jenseits der Worte. So hätte das Emily Dickinson wohl auch gesehen. (GEA)

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