Jazz - Das US-amerikanische Trio The Bad Plus verfremdet in Tobias Festls Pappelgarten kongenial Rockklassiker

Das Empire schlägt rückwärts

VON JÜRGEN SPIESS

REUTLINGEN. Vorsicht! Wenn das US-amerikanische Ausnahmetrio The Bad Plus ihr neues Album »It's Hard« nennt, dann ist da mit Sicherheit ein Fünkchen Wahrheit dabei. Immerhin gelten Reid Anderson (Kontrabass), Ethan Iverson (Piano) und David King (Drums) seit Jahren als zuverlässige Zertrümmerer bekannter Rock-Klischees. Seit das im Jahr 2000 gegründete Trio Elemente des Avantgarde-Jazz mit Rock- und Pop-Elementen verknüpft, irritieren die drei schrulligen Einzelgänger aus New York die internationale Jazzszene nachhaltig mit fulminanten Attacken auf althergebrachte und bekannte Überlieferungen.

Die Rhythmusgruppe des Trios The Bad Plus beim Auftritt im Reutlinger Pappelgarten. FOTO: SPIESS
Die Rhythmusgruppe des Trios The Bad Plus beim Auftritt im Reutlinger Pappelgarten. FOTO: SPIESS
Auch bei ihrem Auftritt in Tobias Festls Pappelgarten scheuen sich die drei US-Amerikaner nicht, Rock- und Popklassiker von Peter Gabriel über Cindy Lauper und Prince bis zu Kraftwerk zu dekonstruieren und in ihren eigenen Musikkosmos zu überführen. Dabei scheinen Anderson, Iverson und King den Rock 'n' Roll im Herzen zu tragen und spielen ihren Jazz mit einer Glaubwürdigkeit und Frische, die wie ein Tornado daherkommt und keine Kompromisse zulässt. The Bad Plus verbinden die klassische Technik mit swingendem Musikverständnis und einer gehörigen Portion Witz.

Sowohl in ihren eigenen Kompositionen wie »The Empire Strikes Backwards« als auch bei Coverversionen von Prince und anderen Pop-Ikonen kreieren sie mit einem facettenreichen Arrangement von Rhythmen und Tonfolgen einen unorthodoxen Großstadt-Jazz voller Fantasie und Magie.

Manches geht wie Peter Gabriels »Games Withouth Frontiers« oder »The Robots« von Kraftwerk vollständig in der neuen Version auf, anderes behält wie »Time fter Time« von Cindy Lauper Momente des ursprünglichen Songcharakters bei, wenn auch interpretatorisch völlig anders gewichtet. Das Besondere dieser aufregenden Session liegt jedoch nicht allein in dem häufig strapazierten Tonmaterial. Dem hoch konzentriert agierenden Trio gelingt vielmehr die Kunst des musikalischen Kommentars in der kleinen und minimalistischen Form. Obwohl sich in den sehr frei gestalteten Melodien stellenweise die avantgardesk expressiven Mittel wiederholen, hat der Abend insgesamt doch eine Form, die mit subtilem Spannungsaufbau den Besonderheiten der Songs auf die Schliche kommt.

Das scharf markierte Pianospiel von Tastenmann Ethan Iverson, der moderierende und bei einem Stück auch singende Bassist Reid Anderson und das allen Situationen gewachsene Schlagzeug von David King: Es ist schwierig, bei diesem Ausnahmetrio jemanden herauszuheben. Auffallend modern und schräg zugleich spielen sie alle. Und vor allem: Diese Art von Jazz kennt kein Verfallsdatum und wirkt trotz des Rückgriffs auf bewährte Melodien keineswegs wie ein Abklatsch oder gar wie ein Plagiat. (GEA)

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