Forum junger Interpreten - Klavier-Matinée mit dem jungen Pianisten Lukas Kowalski in der Kreissparkasse
Chopin als Herausforderung
VON MORITZ SIEBERT
REUTLINGEN. Übermütig, halsbrecherisch, jeglicher Gattungskonvention widersprechend - Frédéric Chopin komponierte seine Klaviersonate in b-Moll regelrecht als Skandalwerk. Was seinen Kritikern ein Werk des Anstoßes war, wurde für seine Interpreten zur Herausforderung und zum Reifezeugnis.
Zum Saisonstart des Forums junger Interpreten der Kreissparkasse Reutlingen nahm sich Lukas Kowalski neben Robert Schumanns Fantasiestücken Opus 12 Chopins zweiter Klaviersonate an. Das 21-jährige Talent, mehrfach ausgezeichnet und derzeit Schüler bei Friedemann Rieger an der Musikhochschule in Stuttgart, begeisterte gut 250 Zuhörer mit einem besonderen Gespür für frühromantische Klaviermusik.
Die Matinée eröffnete Kowalski mit Schumanns Fantasiestücken. Dem technisch hohen Anspruch der Impressionen setzte er breite Brust und erstaunliche Sicherheit entgegen. Die Koordination rasch wechselnder Charaktere, sanglich-fantastische Passagen und enorm schnelle Trillerfolgen bewältigte Kowalski souverän. Sein feines Gespür für die dynamische Nuance der Stücke konnte trotz der ausladenden Räumlichkeiten im Sparkassen-Foyer bis in die hintersten Reihen vernommen werden.
Robert Schumann war es dann auch, der treffende Worte für die zweite Sonate seines gleichaltrigen Kollegen fand: Chopin hätte seine vier tollsten Kinder zusammengekoppelt. Den ersten Satz (»Grave«) zeichnet Rastlosigkeit aus. Kowalskis Interpretation kommt recht frisch daher, mutig und mit viel Elan. Der Spielfluss, der ein Experimentieren am Stück erlauben würde, ist aber noch nicht hundertprozentig vorhanden.
Ruhelos treibendes Moment
Kowalskis ganz eigene Note blieb deshalb auch noch verschlossen. Das ruhelos-treibende Moment im zweiten Satz stockt an Stellen, wo man - an andere Interpretationen gewöhnt - mehr Legato erwartet. Das ist dem Stück aber keineswegs abträglich. Im dritten Satz (»Marche funèbre«), dessen Tempo Kowalski perfekt trifft, stürzt Chopin den ruhelos-treibenden Grundton in hoffnungslose Trauerstimmung.
Den wilden Unisono-Schlusssatz (»Presto«) schließt Kowalski ohne abzusetzen an den Trauermarsch an. Da der Schlusssatz sich dagegen sperrt, ein emotionales und formales Gegengewicht zu bilden, betont Kowalski die eher zerstörerische Wirkung noch zusätzlich.
Vor allem in den letzten beiden Sätzen wurde ein eigenständiger Umgang mit dem Werk deutlich. Ein Reifezeugnis hat Kowalski zweifellos abgegeben - Chopin wird aber nicht aufhören, ihn weiterhin herauszufordern. (GEA)