Konzert - Das Pieranunzi-Trio gastiert im Rahmen des Jazzfrühlings bei Tobias Festl im »Pappelgarten«

Bittersüße Synkopen

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Es steckt ein Clown in Enrico Pieranunzi. Bei seinem Auftritt am Donnerstag in Tobias Festls neuer Location »Pappelgarten« verteilt er versehentlich Wasser auf dem Teppich, kämpft mit dem Mikrofon, lobt Preise aus für die Übersetzung seiner Stücktitel. Bei »Dolce declino del sole« kapituliert auch Pieranunzis holländischer Bassist Jasper Somsen; doch zur Freude des Chefs hilft eine Besucherin weiter: »Süßer Sonnenuntergang!«, ruft sie.

Dann findet Pieranunzi es wieder verwunderlich, dass auf der Bierflasche, die ihm Tobias Festl auf die Bühne bringt, ein Mann samt Unterschrift abgebildet ist. »Trinkt ihr Deutschen nur signiertes Bier?« Etwas zu zackig stellt er die Flasche neben dem Mischpult ab, worauf sie sich in einen Gerstensaft-Springbrunnen verwandelt und das Barpersonal zu einer Rettungsaktion der Elektronik per Wischlappen herausfordert. Am Ende wird man Pieranunzi vergnügt sagen hören: »Das gehörte alles zur Show!«

Ja, wer weiß. Solche Harlekinaden wie aus einem Fellini-Film gefallen ihm jedenfalls; was Wunder, dass auch durch sein Klavierspiel zuweilen dieser mild-ironische Fellini-Humor leuchtet. Kein Zufall, dass Pieranunzi sich ausgerechnet mit »Fellinis Valse« als Zugabe verabschiedet; kein Zufall, dass er den Abend mit einem anderen Walzer eröffnet, der nicht nach Operettenschmalz, sondern nach Zirkusluft riecht.

Nein, für einen Italiener ist es erstaunlich unsentimental, was Pieranunzi da macht. Wobei, singend mag er es auf den Tasten sehr wohl, jedoch auf eine wunderbar lapidare Weise. Ein manchmal fast kühles Spiel von Heiterkeit und ein bisschen distanzierter Melancholie, das mit einer unglaublichen Leichtigkeit dahinschwebt – um sich dann im Puls der Synkopen immer mehr zu erhitzen.

Ein Standard von Cole Porter wie »Everything I Love« verliert da alles Süßliche. Und andererseits liebt Pieranunzi auch wieder die Ausflüge dorthin, wo die Motivik abstrakt und die Harmonik schroff wird und sich kühler Intellekt mit fiebriger rhythmischer Hitze paart, im »Cool Blues« von Charlie Parker etwa.

Wie sich die beiden Mitstreiter in dieses Spiel einfädeln, ist erlesen. Jasper Somsen greift am Kontrabass nicht nur die leichtfüßigen Tongewebe auf, die Pieranunzi vorgibt; er schaltet sich auch immer wieder mit melodischen Motiven ein und verwickelt den Pianisten so in einen heiter-melancholischen Dialog.

Und Drummer Mauro Beggio greift mit tänzelnden Sticks auf den Becken samt überraschenden Eruptionen auf Toms und Snare auf seine Weise ganz verschmitzt ein in diesen schwebenden, so filigran ineinander verwobenen Dialog. Zusammen gelingt ihnen eine musikalische Intensität und Dramatik, die immer auch Komödie ist – und ein musikalischer Humor, der immer auch schicksalhaftes Drama ist. Fast wie Fellini. Nur eben in Jazz. (GEA)



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