Reutlinger Theater - Marc Neikrugs Musiktheater »Through Roses« über einen Holocaust-Überlebenden im Tonne-Neubau

Beklemmender Sog surrealer Bilder

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Diesen Musiktheaterabend wird so schnell niemand vergessen, der dort war. Zu beklemmend das Thema, zu dicht die Bilder, die Enrico Urbanek dafür gefunden hat, zu eindringlich die instrumentalen Klänge, live gespielt von acht Musikern der Württembergischen Philharmonie. Dazu das intensive Spiel von Thomas B. Hoffmann, der mit seinem Geigenkasten verloren im Niemandsland des Tonne-Saals steht, mitten unterm (stehenden) Publikum; und das Spiel von Nora Vladiguerov, Verkörperung seiner Frau, deren Bild ihn verfolgt, die ihn umtanzt, die er auf Armen trägt, die er versucht, vom Tod zurückzuholen.

Thomas B. Hoffmann (mit Hut) als jüdischer Geiger, Nora Vladiguerov (liegend im Hintergrund) als seine Frau  sowie Mitglieder des Chors in dem Musiktheater »Through Roses« von Marc Neikrug. FOTO: KAREN SCHULTZE/TONNE
Thomas B. Hoffmann (mit Hut) als jüdischer Geiger, Nora Vladiguerov (liegend im Hintergrund) als seine Frau sowie Mitglieder des Chors in dem Musiktheater »Through Roses« von Marc Neikrug. FOTO: KAREN SCHULTZE/TONNE
Und da ist ja auch noch der Chor, in einem singenden wie in einem schauspielernden Sinn. Eine Projektgruppe, von der Stimmbildnerin Ulrike Härter zusammengestellt: Sie sind die Herren und Knechte, sind Verfolger und Verfolgte, die in suchenden, tastenden Choreografien den Raum durchmessen, ein Ärmel abgerissen, ein Arm entblößt, verletzlich, gezeichnet als Schutzlose.

Musik und Auschwitz

All dieser Aufwand für ein Einpersonenstück: »Through Roses« von Marc Neikrug, dessen kompletter Text auf fünf Din-A-4-Blätter passt. Doch gerade diese Verdichtung lässt das Thema umso verstörender hervortreten: den Holocaust, den großen Kulturbruch der Neuzeit und mit ihm die Frage, wie so etwas geschehen kann in einer Gesellschaft, die Mozart und Bach hervorgebracht hat.

Thomas B. Hoffmann spielt mit Trenchcoat und Hut den jüdischen Musiker, der diesen Kulturbruch durchlitten hat. Der als Häftling in Auschwitz für Nazischergen aufspielen musste - und vor den Gaskammern, um die Schreie der Sterbenden zu übertönen. Wo er ein letztes Mal seine Frau sah, als man sie auf einer Bahre zum Krematorium schob. Seine Frau, deren Bild ihn nun verfolgt - und die Frage, warum er damals nicht aufgehört hat, zu spielen.

Thomas B. Hoffmann spielt ihn so, als sei mit der Unbeantwortbarkeit dieser Fragen auch jede andere Frage obsolet geworden. Sodass nichts bleibt, als eine resignierte Abgeklärtheit, hinter der sich ein unfassbarer Schmerz verbirgt.

So groß ist die Notwendigkeit, sich vor diesem Schmerz abzuschirmen, dass das eigentliche Geschehen nur in Form surrealer Splitter hochdringt. Irritierende Bilder, die dem Geiger vor die Augen treten und ihn nach und nach immer mehr zum Zentrum des Traumas drängen. Es sind diese Bilder, die Urbanek als Regisseur aufgreift und in den Raum stellt, nicht illustrierend, sondern ebenfalls surreal, aber gerade darum so beklemmend.

Wobei es in der Ausstattung von Sibylle Schultze keine Kulissen gibt. Oder besser: Der große Saal selbst ist die Kulisse mit seiner riesigen Bühnenschiebetür, die zur Waggontür der Menschentransporte wird. Das neue Gebäude, scheinbar so neutral und sachlich, wird zum Organismus, der Bilder hochsteigen lässt.

Das fängt schon mit den riesigen, auf Schichten alter Zeitungen gemalten Bildern der Künstlerin Antonia Bisig an, die Krieg, Flucht und Gewalt thematisieren. Es fängt an mit einer Vernissagensituation, die gar nicht bloß simuliert ist. Und geht fließend weiter in einen Reigen immer neuer soghafter Bilder, die oft mitten unter den Besuchern entstehen und diese mit hineinnehmen ins Geschehen.

Mitten durchs Publikum irrt verloren der Geiger, mitten hindurch wirbelt die Tänzerin als seine Frau, mitten hindurch schreiten die Chorsänger in ihren Choreografien, die Nora Vladiguerov entwickelt hat. Es sind vor allem auch diese Choreografien, die die intensiven Bilder schaffen. Nora Vladiguerov im Hemd auf einer Bahre liegend. Die Tänzerin, vom Chor an Bändern gefesselt. Der Chor hinter der Eisentür im Dampf des Deportationszugs.

Schicht aus feinnervigen Klängen

Hinter alldem eine Schicht aus feinnervigen Klängen, die Pianist und Komponist Neikrug entworfen hat. Fahle hohe Töne, durch die Anklänge an klassische Streichquartettmusik durchwehen wie durch einen Vorhang von Schmerz. Dazu wundersames Raunen von Gongs und Metallstäben wie ein Signum des Rätsels, dass in Auschwitz Barbarei und Musik am selben Ort existierten. Mit einer leidenschaftlichen Genauigkeit spielen sie das unter der Leitung von Frank Zacher: Martin Kühn an der Flöte, Martin Künstner an der Oboe, Simon Löffelmann an der Klarinette, Fabian Wettstein an der Violine, David Inbal an der Bratsche, Friedemann Dähn am Cello, Nadine Hartung am Klavier und Markus Kurz am Schlagwerk.

Der größte Geniestreich jedoch war, in jene Stellen, an denen diese Klangschicht verstummt, zarte, reine Sätze des Chors strömen zu lassen. Ein heiteres Volkslied. Einen dunklen Choral. Einen verzweifelten jüdischen Klagesang.

Unglaublich, wie rein und harmonisch Ulrike Härters Projektchor diese Gesänge anstimmt: im Stehen, im Gehen, oft verteilt im Raum - irgendwann sogar im Liegen. Es sind gerade diese zarten, reinen, innigen Gesänge, die das Unfassbare des Kulturbruchs in Auschwitz noch drastischer hervortreten lassen. Weil sie das Grauen direkt und schmerzlich unvereinbar mit dem Tröstlichen konfrontieren.

Das eigentliche Faszinosum ist jedoch, wie all diese Schichten vom Vernissagenbeginn bis zum letzten Choral in einem dichten, surrealen, schlüssigen Ganzen aufgehen. Wer erleben will, wie bildgewaltig, fesselnd, komprimiert und intensiv zeitgenössisches Musiktheater sein kann - hier ist die Gelegenheit. (GEA)



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